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Auf dass du lange lebest in dem Lande

 

Auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird (Exodus 20,12).

 

Pünktlich zum Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen veröffentlichte die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (ISNM) in vielen Tageszeitungen unter der Überschrift „Wir brauchen keine Staatsreligion“ eine große Anzeige, auf der die Grünen-Vorsitzende und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock dargestellt ist als Mose mit zwei großen steinernen Gesetzestafeln. Auf den Gesetzestafeln sind die angeblichen 10 Verbote zu erkennen, die die Grünen, wenn sie an der Regierung sind, verhängen wollen: „Du darfst kein Verbrennerauto fahren. – Du darfst nicht fliegen. – Du darfst nicht schöner wohnen.“ Und so weiter. Das letzte Verbot ist geradezu eine Drohung: „Du darfst nicht einmal daran denken, dass mit den 10 Verboten Schluss ist.“ 

 

Der Text daneben macht deutlich, worum es der Initiative geht: „Grüne Verbote führen nicht ins gelobte Land.“ Der Tenor, mit dem diese Verbote auf der Homepage der INSM dargestellt und vermeintlich widerlegt werden, lautet in etwa: Nur der freie Markt bringt die innovative Technik hervor, die wir brauchen, um den Klimawandel zu bewältigen. Internationale Handelsabkommen, Steuersenkungen und privatwirtschaftliche Investitionen sind besser als staatliche Vorgaben und Einschränkungen für unser individuelles Leben.

 

Nun bin ich weder Ökonom noch Unternehmer, Klimaforscher, Renten- oder Verkehrsexperte. Aber diese Verdrehung der biblischen Vorlage geht mir doch gehörig gegen den Strich, denn nach übereinstimmender Interpretation der Theologinnen und Theologen sind es gerade die 10 Gebote, die ein Leben im gelobten Land erst ermöglichen: „auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“ Auch die Zehn Gebote sind zumindest in der deutschen Übersetzung weitgehend Verbote: „Du sollst nicht töten, ehebrechen, stehlen, lügen …“ Ohne diese Regeln, die übrigens ein Grundkonsens der Religionen sind, ist menschliches Zusammenleben nicht möglich.

 

Auf den Klimaschutz bezogen meine ich: Wenn wir eine Zukunft in diesem Land, auf unserer Erde haben wollen, dann müssen wir uns Regeln geben und Grenzen setzen, die auch künftigen Generationen ein Leben hier ermöglichen. Das sollten wir nicht dem freien Markt überlassen.

 

Bild: Screenshot von www.insm.de (Download 11.06.2021)

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Matthias (Samstag, 12 Juni 2021 14:29)

    Moin lieber Friedemann, Danke für deinen Beitrag - da kann ich dir nur zustimmen!

    Und irgendwie beobachte ich ziemlich erschrocken, wie Religion und religiöse Symbole benutzt und gebraucht werden - völlig verquer, häufig. Zu Ostern z. B. eine Werbung vom Supermarkt: "Wir haben Ostern im Angebot" - "Ach so, ihr seid das, nicht die christliche Kirche..." Natürlich ist das noch harmlos im Vergleich zu dem Gebrauch der 10 Gebote durch diese Initiative. Wie du schreibst, haben die 10 Gebote und die weiteren Gebote des Alten Testaments überhaupt einmal friedliches Zusammenleben ermöglicht. Außerdem haben sie den bis dahin üblichen Kreislauf der Rache und steigenden Gewalt gebrochen.

    Genauso erschreckend, wie mit Frau Baerbock und den Grünen gespielt wird. Vielleicht sind sie auch zu naiv für Wahlkampf? Muster wiederholen sich anscheinend. Trotzdem habe ich gerade das Gefühl, dass da ziemlich unfair gespielt wird.

    Na ja, und zuletzt: Wie gut der Markt die DInge immer regelt, spüren wir ja in nahezu jedem Bereich unseres Lebens und unserer Welt...

    So, genug. Will mich ja aufregen, sondern meinen Urlaub vorbereiten. Liebe Grüße, Matthias

  • #2

    Ingrid (Sonntag, 13 Juni 2021 12:04)

    Lieber Friedemann, es tut mir so Leid, dass ich diesen Beitrag erst nach dem Gottesdienst lese, ich hätte mich gern danach mit Dir unterhalten über dieses Thema. Zunächst: Herzlichen Dank ffür die offenen und zutreffenden Worte! Man muss immer wieder staunen über die - eigentlich muss man sagen - Unverschämtheit, mit der manche Menschen ihre vermeintliche Wahrheit verkünden. Ich hatte schon damit gerechnet, dass die Geünen von allen Seiten angegriffen werden würden, aber diese Anzeige übertrifft alles . Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Menschen selber nachdenken würden.
    In diesem Sinn herzlche Grüße
    Ingrid

  • #3

    Johanna (Sonntag, 13 Juni 2021 20:59)

    Lieber Friedemann,
    da haben haben wohl Vertreter der freien Marktwirtschaft Angst bekommen und müssen dringend etwas unternehmen, um Leute, die etwas verändern wollen zu verunglimpfen. Schade, dass dazu wieder einmal die Religion herhalten muss und die 10 Gebote auf diese Weise instrumentalisiert werden. Klimawandel und die Pandemie haben uns allen gezeigt: Es kann kein "weiter so" geben. Wir müssen was verändern und dazu gehört auch Verzicht.
    Ich hoffe und bete: "Herr lehre uns bedenken, dass wir endlich sind, auf dass wir klug werden."

  • #4

    Klaus (Montag, 14 Juni 2021 08:39)

    Du hast den Punkt getroffen, Friedemann.
    Michael Koß sieht dieses Anzeige sogar im Zusammenhang mit Antisemitismus:
    https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-06/insm-annalena-baerbock-kampagne-antisemitismus-frauen

  • #5

    Friedemann (Montag, 14 Juni 2021 15:02)

    Danke für eure Kommentare. Den von Michael Koß erhobenen Vorwurf des Antisemitismus kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen bzw. finde ich überzogen. Die Anzeige spielt mit fest verankerten Bildern in unseren Köpfen, eben mit Moses und des Gesetztafeln, wie sie auch in Karikaturen häufig verwendet werden, ohne damit antisemitisch zu sein. Hier wird eher eine Generalkritik an Religion überhaupt geübt. Die Botschaft lautet: Besser auf die Wirtschaft und den Homo Ökonomicus hören als auf Religion.