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Vergiss Babylon

 Damals hatten alle Menschen nur eine einzige Sprache – mit ein und denselben Wörtern.

(1. Mose 11,1)

 

Der von mir überaus geschätzte Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken – habe ich das eigentlich schon mal erwähnt? – hat in seinem Lied „Verjess Babylon“ diesen Vers, mit dem die Geschichte vom Turmbau zu Babel beginnt, für ungültig erklärt, denn seiner Meinung nach beginnt die Geschichte der Sprachen und der Verständnislosigkeit untereinander bereits mit der Schöpfung.

 

Das Lied erzählt nämlich die Geschichte von Gott-Vater, der am Abend des sechsten Tags der Schöpfung erschreckt feststellen muss, dass er vergessen hat, den Menschen eine Sprache zu geben. Also muss er noch einmal raus aus seinem Himmelbett, in dem er es sich schon gemütlich gemacht hat, und allen Menschen eine Sprache bringen. Er reist durch die ganze Welt und gibt jedem Menschenschlag die Sprache, die zu ihm passt. Kisuaheli, Hebräisch, sogar Latein und Chinesisch und eine Sprache für Menschen im Himalaya und in Bahrein.

 

Kurz vor Mitternacht gelangt er schließlich an den Rhein, genauer gesagt nach Köln, wo Menschen mit Pappnase im Gesicht stumm und stillvergnügt am Schunkeln sind. Und da er nun schon völlig erschöpft ist, sagt er zu diesen Leuten: „So, Lück, wesst ihr wat? Ich hann et jetz satt, Ich kann ech nimieh, mir deit alles wieh! […] Wiesu sprecht ihr eijentlich nit einfach wie ich.“

 

Natürlich ist diese Geschichte das nur in Köln vertretene und anerkannte Narrativ, warum Kölsch die Sprache Gottes sein soll. Aber das kann man, so sehr ich Niedecken verehre, nicht einfach stehen lassen: Was ist denn die Sprache Gottes anderes als die Liebe? Traditionell wird Pfingsten als das Fest verstanden, an dem das Sprachenwirrwarr aufgehoben wird, weil alle Menschen die Botschaft von der Liebe Gottes zu uns Menschen verstehen und weitergeben. Wenn also Eltern zu ihrem Kind in Liebe sprechen, wenn Menschen sich Zärtlichkeiten zuflüstern oder wertschätzend von- und miteinander reden, dann sprechen sie Gottes Sprache. Und das geht auf Kölsch wie auf Hochdeutsch oder Plattdeutsch, das geht auf Hebräisch genauso wie auf Arabisch. Das kannst du als Christin, Jüdin oder als Muslim, als Buddhistin oder Hindu. Wir müssen uns nur von dieser Sprache und dem Geist Gottes anstecken lassen: „Hey Leute, sagt Gott, warum sprecht ihr eigentlich nicht einfach wie ich.“ Nur so können wir Babylon vergessen machen, dieses Durcheinander und Unverständnis, diesen zerstörerischen Hass, der Menschen nicht zueinander führt, sondern auseinanderbringt.

 

Und ganz zum Schluss kommt hier der Link zu dem Song von dem Album "Halv su wild":

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Kommentare: 1
  • #1

    Matthias Walter (Mittwoch, 26 Mai 2021 11:06)

    Danke für diese tolle Verknüpfung! Und nebenbei atmet Dein Beitrag auch eine wunderbar weitere Weite als das doch arg verkürzte "Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche".