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Lehret alle Völker

Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heilige Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. (Matthäus 28,18-20)

 

Neulich gab es in der Kirchenkreissynode, auf der es sonst, sagen wir mal, eher nicht so aufregend zugeht, eine kleine verbale Auseinandersetzung. Es ging um ein Papier des Kirchenkreises mit dem Titel „Kirche im Dialog“. Darin heißt es, dass die Vernetzung mit anderen Institutionen, Konfessionen und Religionen „nicht missionarisch“ zu verstehen sei, es gehe nicht um „Verkündigung“, sondern um einen „Dialog auf Augenhöhe“. Einer der in der Synode anwesenden Pastoren nahm daran Anstoß, denn Verkündigung des Evangeliums sei doch der Kernauftrag an die Jünger und damit auch an die Kirche von heute. Er bezog sich ausdrücklich auf den sogenannten Missionsbefehl in Matthäus 28.

 

Mission ist in Verruf gekommen. Das kann man schon daran sehen, dass der Vers, den viele uns noch so kennen: „Machet zu Jüngern alle Völker“ in der Lutherbibel 2017 eher abschwächend mit „lehret alle Völker“ übersetzt wird. Wir wollen niemanden mehr bekehren oder zu einer Jüngerin, einem Jünger machen. Wir wollen im Dialog sein, denn nach zweitausend Jahren oftmals blutiger Missionsgeschichte ist uns die Gewissheit abhanden gekommen, ob dieser Befehl, alle Völker zu Jüngern zu machen, wirklich eine so kluge Idee gewesen ist.

 

Bartholomäus Ziegenbalg (1682-1719) war als christlicher Missionar in Indien tätig. Er war natürlich von der Überlegenheit des christlichen Glaubens überzeugt. Umso erstaunter war er, dass die Einheimischen diesen für ihn so befreienden Glauben nicht annehmen mochten. Sie sagten ihm, „dass sie lieber mit ihren Vätern und ihrem Volke in die Hölle, als ohne ihre Väter und ihrem Volk in den Himmel kommen“ wollten. Auf seine erstaunte Nachfrage erklärten sie ihm, dass in den Kirchen der Christen offenbar nichts anderes als „Fressen und Saufen, Hurerei und Buhlerei, Tanz und Spiel, Fluchen und Schwören“ gelehrt werde. Sie verstünden die Sprache ja nicht und „könnten nicht über unser Gesetz urteilen; wenn sie aber unser Leben betrachteten, so fänden sie, dass unsere Christen gleich nach der Kirche solche Dinge täten; deshalb hätten sie gedacht, dass die Priester solches in der Kirche gelehrt haben müssten, da die Zuhörer gleich nachher solche bösen Werke ausübten.“ Auch als Ziegenbalg den Menschen in ihrer Sprache die frohe Botschaft verkündete, ärgerten sie sich noch über die Christen, „besonders da sie gar keine Liebe bei denen fanden, deren Religion sie annehmen sollten“[1].

 

Der Missionsbefehl, der nun am Himmelfahrtstag und bei jeder Taufe immer wieder in unseren Kirchen gelesen wird, ist heute ein schweres Erbe für uns. So viele Menschenleben sind diesem Vers zum Opfer gefallen. „Machet zu Jüngern“ als Legitimation zur Eroberung und Ausbeutung anderer Menschen ist endgültig diskreditiert. Ebenso wenig entspricht eine Verkündigung, die von den eigenen Handlungen Lügen gestraft wird wie in dem Beispiel von Bartholomäus Ziegenbalg, dem Auftrag Jesu. „Lehret alle Völker“ kann heute nur heißen: Begegnet allen Menschen mit der Liebe und dem Respekt, mit der Jesus ihnen begegnen würde.

 



[1] Ann-Charlott Settgast: Der Mann in Tranquebar. Ein Porträt des Bartholomäus Ziegenbalg. Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1981, S. 94-95.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Sabine Bretz (Dienstag, 11 Mai 2021 18:24)

    Wie recht die Einheimischen doch hatten. Zu der Zeit war der christliche Glaube bereits zu einer Farce verkommen. Ob Bartholomäus Ziegenbalg ( was für ein Name, haha) wohl so klug war und bei diesen Menschen sein Leben verbracht hat ?

  • #2

    von Saltzwedel, Ingrid (Mittwoch, 12 Mai 2021 16:50)

    Ja, fast schämt man sich, als Christin dazuzugehören zu diesen " Unholden". Aber der Anspruch ist so groß, und die Umsetzung so schwer. Da freue ich mich, dass es im christlichen Glauben das Geschenk der Gnade gibt. ( Oder verführt womöglich gerade diese Zuversicht der Christen: " Naja, ich habe zwar gegen Gottes Wort gehandelt, aber mir wird ja Vergebung zugesprochen", zum leichtfertigen Verhalten?
    Und wieder kriegen wir ihn vorgeführt, den ewigen Kampf der verschiedenen Religionen, jetzt Judentum/Islam.