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Liebet eure Feinde

Indianerhäuptling Friedemann (1975), Foto: Helga Neuhaus

 

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt die Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

(Matthäus 5,44-45)

 

Kürzlich bekannte die Berliner Grünen-Politikerin Bettina Jarasch auf dem Landesparteitag ihrer Partei, als Kind habe sie Indianerhäuptling werden wollen. Sie wurde dafür heftig aus ihrer eigenen Partei heraus kritisiert und musste sich für die vermeintliche verbale Entgleisung entschuldigen. Die Stelle wurde aus dem Parteitagsvideo herausgeschnitten. Ob es ihr besser ergangen wären, wenn sie Indianer*innenhäuptling gesagt hätte, wage ich zu bezweifeln, denn es ging hier einmal nicht um das Gendersternchen, sondern um die vermeintliche Diskriminierung der amerikanischen Ureinwohner – pardon Ureinwohner*innen – durch die unpassende Fremdbezeichnung „Indianer“. Denn wie wir alle wissen, ist Christoph Columbus 1492 nicht in Indien, sondern auf dem amerikanischen Kontinent gelandet.

 

Wie man auf dem Bild sehen kann, wollte ich als Kind auch gern Indianerhäuptling sein. Meine Mutter hat das Indianerkostüm genäht und das Indianerzelt gebaut. Nur der Federschmuck war gekauft. Für mich war ein Indianer, natürlich geprägt durch die Karl-May-Bücher, der Inbegriff des edlen Menschen schlechthin. Der Apachen-Häuptling Winnetou und sein Blutsbruder Old Shatterhand töteten auch ihre Feinde nur in höchster Gefahr, selbst bei einem Schusswaffengefecht versuchten sie den Tod des anderen zu vermeiden, indem sie ihn statt ins Herz ins Knie schossen. Was auch nicht schön ist, aber es zeigt, dass den beiden Helden das Leben eines Menschen etwas wert war.

 

In meiner Kindheitswelt verschmolzen Winnetou und Jesus manchmal zu einer Person. Hier der edle Indianerhäuptling, dort der Menschenfreund Jesus, der selbst den Soldaten zu vergeben vermochte, die ihn ans Kreuz nagelten. Liebet eure Feinde, fordert Jesus in der Bergpredigt. Das heißt in meinen Augen nichts anderes als auch im Feind den Menschen zu sehen, der vielleicht selbst Angst um sein Leben hat. Winnetou hatte viele Feinde, seien es Kiowas, Komantschen oder die bösen Bleichgesichter, die den Indianern das Land wegnahmen, aber er konnte in ihnen allen die Menschen sehen und wurde deshalb bei Karl May zum Inbegriff des edlen Menschen schlechthin.

 

Es wäre an der Zeit, dass wir alle Indianerhäuptlinge wie Winnetou werden wollen, denn wenn man sich die gegenwärtigen Debatten um „Corona-Diktatur“, „Corona-Leugner“, „Lügenpresse“, „Impfdrängler“ usw. ansieht, stellt man fest, dass oft nicht zwischen Meinung und Person unterschieden wird und stattdessen demjenigen mit einer anderen Meinung gleich die Pest oder der Tod an den Hals gewünscht wird. Wer Merkel an Galgen wünscht, hat nichts verstanden von der Feindesliebe des Jesus von Nazareth oder der Menschenliebe des Indianerhäuptlings Winnetou.

 

Übrigens, meine Mutter hat mir, wie man auf dem Bild sehen kann, als Requisit kein Gewehr, Winnetous berühmte „Silberbüchse“ gebastelt, sondern eine Friedenspfeife. Das wäre allen zu raten, die im Meinungsstreit Maß und Mitte zu verlieren drohen: erst mal eine Friedenspfeife rauchen.

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Kommentare: 2
  • #1

    Ruth Klinkert (Donnerstag, 29 April 2021 17:51)

    Lieber Friedemann
    Der Schluss hat mich sehr berührt.
    Oft möchte man das "Gewehr" rausholen . Nicht um zu verletzen, sondern zu drohen.
    Lieber die Friedenspfeife rauchen, das muss ich mir immer wieder sagen.
    Danke dafür.
    LG Ruth

  • #2

    Michael Kopatz (Freitag, 30 April 2021 16:45)

    Sehr schöner Blog!
    Tolle Mama!
    Friedvoller Friedemann

    Frieden und Liebe
    Micha