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Eichmann und Kant

Adolf Eichmann bei seinem Prozess, 1961. Quelle: wikipedia (gemeinfrei)

 

 

„Handle nur nach der Maxime, von der du wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

 Immanuel Kant

 

Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren, am 11. April 1961, begann in Jerusalem der Prozess gegen einen der größten NS-Verbrecher, den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Als Leiter des Referats „Juden- und Räumungsangelegenheiten“ im Reichssicherheitshauptamt war Eichmann hauptverantwortlich für die Deportation von Jüdinnen und Juden aus Deutschland und den besetzten Gebieten in die Vernichtungslager im Osten gewesen. Nach Hinweisen u.a. aus Deutschland war es dem israelischen Geheimdienst Mossad gelungen, Eichmann in Argentinien aufzuspüren und ihn nach Israel zu entführen, wo ihm der Prozess gemacht wurde.

 

Die deutsch-amerikanische Philosophin Hanna Arendt beobachtete den Prozess und berichtet, dass Eichmann sich in einem Verhör zu der Aussage habe hinreißen lassen, er habe stets nach der Pflichtethik Immanuel Kants gehandelt. Arendt schreibt: „Das klang zunächst nur empörend und obendrein unverständlich, da Kants Morallehre so eng mit der menschlichen Fähigkeit zu urteilen, also dem Gegenteil von blindem Gehorsam, verbunden ist. Und zu jedermanns Überraschung konnte Eichmann eine ziemlich genaue Definition des kategorischen Imperativs vortragen: ‚Da verstand ich darunter, dass das Prinzip meines Wollens und das Prinzip meines Strebens so sein muss, dass es jederzeit zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung erhoben werden könnte‘. […] Weiter erklärte er, dass er in dem Augenblick, als er mit den Maßnahmen zur ‚Endlösung‘ beauftragt wurde, aufgehört habe, nach kantischen Prinzipien zu leben, er habe das gewusst und habe sich mit dem Gedanken getröstet, nicht länger ‚Herr über sich selbst‘ gewesen zu sein – ‚ändern konnte ich nichts‘. Was er dem Gericht darzulegen unterließ, war, dass er in jener ‚Zeit der von Staats wegen legalisierten Verbrechen‘, wie er sie jetzt selber nannte, die kantische Formeln nicht einfach als überholt beiseite getan hat, sondern dass er sie sich vielmehr so zurechtbog, bis sie ihm befahl: ‚Handle so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde.‘“[1]

 

Hanna Arendt sieht in Eichmanns blindem und vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem vermuteten Willen des Führers die Banalität des Bösen, sie nennt Eichmann einen „Hanswurst“, der, unfähig eine eigene Moralvorstellung zu entwickeln, zum millionenfachen Mörder geworden sei. Das monströs Böse der NS-Verbrechen kann sich demnach Bahn brechen in jedem kleinen Hanswurst, zumal dann, wenn er sich gemäß seines „kategorischen Imperativs des kleinen Mannes“ (Arendt) immer noch in Übereinstimmung mit seinem Gewissen und seinem Pflichtgefühl wähnt.  

 

Natürlich hat Eichmann Kant nur insofern richtig interpretiert, als es vom Gesetz und von der Pflicht, dieses Gesetz zu erfüllen, keine Ausnahme geben darf: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Aber was kann die Maxime, der Grundsatz des Handelns sein, was dann ein allgemeines Gesetz werden dürfte? In einem zweiten Grundsatz Kants wird das vielleicht etwas deutlicher: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebrauchst“[2]. Ich weiß nicht, ob ich Kant richtig verstehe, wenn ich darin das schlichte Gebot der Bibel wiedererkenne: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wenn Eichmann sich auf diese Maxime berufen und in den Juden wie in allen anderen Menschen seine Nächsten erkannt hätte, dann wäre er in Israel nicht zum Tode verurteilt, sondern wohl eher zum „Gerechten unter den Völkern“ erklärt worden.



[1] Hanna Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Versuch über die Banalität des Bösen (erschienen 1964), München 1986

[2] Zitate Kants aus: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Lidia (Dienstag, 13 April 2021 15:52)

    Danke für den tollen Beitrag, lieber Friedemann! Hier eine sehenswerte Doku zum Thema:
    https://www.br.de/kultur/schwerpunkt-eichmann-prozess-100.html mit Interviews von Zeitzeugen und historischen Hintergründen. Herzliche Grüße Lidia