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Da fuhr der Satan in ihn

 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald. (Joh 13,27)

 

In der Kathedrale im italienischen Volterra in der Toskana findet man an der Kanzel ein erstaunliches Relief eines romanischen Meisters des 12. Jahrhunderts. Es zeigt das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Jesus sitzt ganz links und reicht dem unter dem Tisch hockenden Judas Iskarioth einen Bissen Brot, derweil sich von hinten schon ein Dämon mit geöffnetem Mail nähert, um von Judas Besitz zu ergreifen (Foto: Postkarte, unbekannter Fortograf). Der Satan fuhr in ihn, so heißt es im Johannesevangelium. In keinem der anderen Evangelien wird die Szene so beschrieben.

 

 

Bis heute wissen wir nicht genau, was Judas dazu bewogen hat, Jesus an den Hohen Rat, die oberste jüdische Instanz, zu verraten. Wollte er Jesus dazu bewegen, endlich seine Macht zu zeigen und das Reich Gottes aufzubauen? Gehörte er vielleicht zu den Zeloten, die die Römer mit Waffengewalt aus dem Land jagen wollten, oder sympathisierte er mit ihnen? Oder war er von der Abendmahlsfeier so entsetzt, weil er glaubte, Jesus wolle damit einen neuen Kult, vielleicht sogar eine neue Religion stiften (so Gerd Theißen und Annette Merz[1])? Oder hatte er Sorge um das jüdische Volk, weil Jesus sich mit seinem Einzug nach Jerusalem als neuer König hatte feiern lassen und somit eine blutige Niederschlagung der möglichen Aufstände durch die Römer riskiert hatte (so Klaus Berger[2])?

 

Wenn man Judas heute fragen würde, würde er vielleicht sagen: Er habe Jesus zu einer strategischen Neuausrichtung seiner Perfomance bewegen wollen. Er habe nämlich ein ganzheitliches und mit verschiedenen gesellschaftlichen Kräften abgestimmtes Konzept in Jesu Reden und Handeln vermisst, vor allem die gewaltsame Vertreibung der Händler aus dem Tempel sei suboptimal gelaufen, so dass man nun Gefahr laufe, die Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung zu verlieren und für den weiteren innerjüdischen Diskus als irrelevant eingestuft zu werden. Hier müsse Kohärenz geschaffen und die nächsten Schritte müssten transparenter und besser kommuniziert werden. Das Erwartungsmanagement müsse zudem dringend angepasst werden, sein Schritt sei daher als ein Wake-up-Call für die ganze Jesus-Bewegung zu verstehen.

 

So hat Judas sich mit dem Teufel eingelassen.

 

Das Teuflische am Teufel ist ja, dass man es meist nicht erkennt, dass es der Teufel ist. Man glaubt sogar oft, einer guten und gerechten Sache zu dienen. Erst hinterher, wenn der Schaden da ist, merkt man, was man angerichtet hat. Im Matthäusevangelium wird berichtet, dass Judas sich aus Verzweiflung und Schuldgefühl erhängt hat (Mt 27,5).

 

Auch heute lässt sich die Kirche auf viele Dinge ein, von denen man nicht weiß, ob sie vom Teufel sind oder nicht. Im Namen der gesellschaftlichen Relevanz posten Kirchenleute auf Facebook, Instagram und Youtube, was das Zeug hält. Dabei sollten wir alle wissen, was das für Datenkraken sind, mit denen wir uns einlassen. Machen wir uns abhängig von Klickzahlen, Likes und „Amens“ unter den Gebeten? Wir teilen und freuen uns, wenn wir geteilt werden. Wenn du nicht wahrgenommen und geklickt wirst, gibt es dich nicht. Aber wenn du viele Klicks haben willst, musst du dann doch viel Geld in die Hand nehmen. Dreißig Silberlinge hat Judas für seinen Verrat erhalten und damit seinen Freund und Meister und vor allem seine Seele verraten. Wir sollten aufpassen, dass wir nicht unsere Seele verkaufen, wenn wir meinen, dass Klicks wichtiger sind als der Inhalt, Likes mehr zählen als die Botschaft.

 

So, und jetzt teilt diesen Blog mal schön. Ich will ja auch ein paar Klicks 😊

 



[1] Gerd Theißen und Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, 3. Auflage, Göttingen 2001, S. 382-383.

[2] Klaus Berger: Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben? Gütersloh 2001, S. 20-21.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Ulla (Freitag, 26 März 2021 12:24)

    Danke Friedemann für Deine herzerfrischenden Gedanken mit strategischer Neuausrichtung, Performance, Akzeptanz, Kohärenz, Kommunikation und Transparenz und dass Aktionen nicht „ „suboptimal“ laufen. Man könnte meinen Du beschreibst die aktuelle Lage der Regierung in Deutschland und in Holland und die Eiertänze die sie i.M. vollziehen - naja Ostern steht vor der Tür? da gibt es ja genug Eier.
    Was Facebook und Konsortien betrifft wundert es mich immer wieder was Menschen dort über sich preisgeben und denen glauben die die meisten Folger haben auch wenn sie den größten Unsinn erzählen.
    Einen schönen Palmsonntag und eine besinnliche Karwoche!

  • #2

    Sabine Bretz (Sonntag, 28 März 2021 10:34)

    Danke für diese Gedanken, die du mit deiner virtuellen Fangemeinde teilst �. Seit ich denken kann, wurde Judas von den Kirchen dämonisiert. Verstanden habe ich das nicht. Ich kann kaum glauben, dass man jemanden verrät, dem man jahrelang treu nachgefolgt ist, um sich dann kurze Zeit später, aus Scham darüber, umzubringen. Das macht keinen Sinn für mich. Ich könnte mir eher vorstellen, dass er Jesus zu einer Neuausrichtung des Evangeliums bewegen wollte und vielleicht sogar ein Einvernehmen mit der geistigen Obrigkeit anstrebte. Es fällt mir jedenfalls schwer ihn zu verdammen.

  • #3

    J.F. (Sonntag, 28 März 2021 19:35)

    Schon geschehen, Blog geteilt.