· 

Die self destroying prophecy

 

Screenshot: Neue Osnabrücker Zeitung vom 6.3.2020

 

Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht. (Jona 3,10)

 

In der Psychologie kennt man schon lange die self fulfilling prophecy, die sich selbst erfüllende Prophezeiung, also eine Prophezeiung, die erst dadurch in Erfüllung geht, dass man sie denkt bzw. ausspricht. Dies gilt vor allem bei Annahmen, die das eigene Scheitern voraussagen. Das schaffe ich eh‘ nicht, sagt sich der unsportliche Junge beim Anblick der auf 1 Meter liegenden Hochsprunglatte. Und dann schafft er es auch nicht. Oder wenn ein leidgeprüfter Dortmund-Fan (von Schalke ganz zu schweigen) sagt: Die Bayern werden sowieso wieder Meister. Dann werden sie es meistens auch, weil die anderen Mannschaften sich eh nicht so viele Chancen ausrechnen und entsprechend spielen.

 

In diesem Jahr habe ich im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zum ersten Mal das Wort von der „self destroying prophecy“ gehört, der sich selbst-zerstörenden Prophezeiung. Das ist das komplementäre Gegenstück zu der self fulfilling prophecy. Eine Prophezeiung, die nur deshalb nicht in Erfüllung geht, weil sie ausgesprochen und entsprechend ernst genommen wird. Vor ziemlich genau einem Jahr erschien in der NOZ ein Artikel mit dem Titel: 280.000 Tote möglich. Der „Prophet“, der sie ausgesprochen hat, war der Virologe Christian Drosten. So wie viele andere war auch ich verstört und sauer darüber. So eine Panikmache! Später lernte ich bei einer der zahlreichen Fernsehdebatten zum Thema von einem Soziologen, dass es sich dabei um eine Prophezeiung handelte, die den einzigen Zweck hatte, dafür zu sorgen, dass wir – der Staat, die Politik, die Gesellschaft – alles daran setzen würden, dass sie eben nicht in Erfüllung geht.

 

Daran musste ich jetzt denken, als ich beim Jona-Stationen-Weg an der Matthäus-Kirche und Kita auf dem letzten Bild den Propheten Jona vor der Stadt Ninive sitzen sah, der sich genüsslich das Schauspiel ihres angedrohten Untergangs ansehen wollte. Gott hatte diesen Untergang durch Jona ankündigen lassen, weil die Menschen sich überhaupt nicht an die Regeln halten wollten, die Gott uns Menschen gegeben hat. Aber es passiert – nichts, weil Gott es bereut, dass er die Stadt Ninive vernichten wollte. Die Menschen dort hatten nämlich die Dringlichkeit der Prophezeiung erkannt und ihren Lebenswandel umgehend geändert. Der König hatte es angeordnet: „Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben.“

 

Nun weisen die großen christlichen Kirchen zwar jeden Gedanken daran zurück, dass die Pandemie eine Strafe Gottes sein könnte. Aber die Gesellschaft hat doch nach einigem Zaudern erkannt, dass mit der Pandemie nicht zu scherzen war. Und so ist Drostens Prophezeiung (zumindest bis jetzt) nicht in Erfüllung gegangen. Das Problem einer solchen self destroying prophecy ist allerdings, dass sie dann sehr schnell als nicht zutreffend und übertrieben dargestellt wird. Die Corono-Leugner behaupten ja genau dies. Manche – auch Christinnen und Christen – sind auf ihrer Seite und stellen sich in eine Reihe mit Widerstandskämpfern wie Dietrich Bonhoeffer und den Geschwistern Scholl. Sie nennen sich „Christen im Widerstand“ und erkennen nicht, dass die Prophezeiung nur deshalb nicht in Erfüllung ging, weil die Menschen sie ernst genommen und sich an die Regeln gehalten haben, anders als zum Beispiel der ehemalige US-Präsident Trump oder der Präsident von Brasilien, Bolsonaro.

 

Und Drosten, der Prophet? Er ärgert sich keineswegs wie Jona, dass seine Prophezeiung nicht in Erfüllung gegangen ist, sondern wird nicht müde zu betonen, dass wir noch immer wachsam sein müssen. Die gesellschaftlichen Nebenfolgen für Kinder und Familien, für Künstlerinnen und Kleinunternehmer u.v.m. stehen auf einem anderen Blatt. Das ist nicht Aufgabe des Propheten, sondern von Politik und Gesellschaft.  

Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    Johanna F. (Samstag, 13 März 2021 16:48)

    Das ist eine gute Betrachtung des Problems. Auf jeden Fall sollten die Ereignisse mit der Pandemie uns alle zum Nachdenken und zur Umkehr bringen. Schneller,höher, weiter und immer mehr erleben, mehr Spaß haben, auch auf Kosten anderer, sollte so nicht weitergehen. Bewusster leben, für uns selbst und Andere, rücksichtsvoll und verantwortlich ist jetzt an der Reihe. Ich denke, durch die Pandemie hat Gott uns ein Zeichen gesetzt, konsequent und nachhaltig.

  • #2

    Daniel Forchheim (Montag, 15 März 2021 14:42)

    Danke und Hut ab, Friedemann, dass du dich an dieses Thema traust. Vielleicht möchte man mich als Corona-Leugner bezeichnen. Mir ist es völlig wurst, wie man mich nennt. Ich würde nur niemals etwas tun, gegen das sich mein Herz sträubt. Ich halte nichts vom Maske tragen und impfen lasse ich weder mich noch meine Kinder seit Jahren nicht. Ich hatte genug von "eingeimpften" Schuldgefühlen und der Angst vor Krankheit und Tod. Das macht mich nicht zum Widerstandskämpfer - es macht mich frei. Dafür brauche ich keine Verschwörungstheorien - ich brauche nur auf mein Herz hören. Darüber hinaus bin ich zutiefst dankbar für diese Krise und dem Ausmaß, mit dem sie mich mit meinen eigenen Ängsten konfrontiert.

  • #3

    Friedemann (Montag, 15 März 2021 18:21)

    Lieber Daniel, ich finde es nicht mutig von mir, dieses Thema anzuschneiden. Mutig finde ich es eher, was du schreibst. Wenn ich nämlich auf mein Herz höre, dann sehnt es sich sehr nach Begegnung, nach Restaurant- und Kinobesuch, nach vollen Klassenzimmern und vollen Kirchen, nach Feiern und fröhlich Sein. Und deshalb würde ich es vorziehen, wenn möglichst viele Menschen sich impfen lassen, damit wir diese Pandemie bald überwinden können, auch wenn ein Impfstoff jetzt wegen möglicher Nebenwirkungen erst einmal ausgesetzt wird.

  • #4

    U.S. (Dienstag, 16 März 2021 07:43)

    Die Dankbarkeit für eine Krise, die so viele Menschen das Leben gekostet hat, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Der Preis ist definitiv zu hoch nur um mich meinen Ängsten stellen zu können. Vor allem wenn die Kosten auf die Allgemeinheit umgelegt werden. Jeder der die Möglichkeit hat sich impfen zu lassen sollte dies so schnell wie möglich tun, nicht nur für sich, wie bei anderen Impfungen (Grippe, Tetanus,...), sondern um andere zu schützen! Denn wenn die Krise uns eines gezeigt hat, dann, dass wir nur gemeinsam gewinnen oder verlieren können. Wir sind derart stark vernetzt und können und wollen das ja auch nicht ändern, aber in so einer vernetzten Welt muss man auch das Herz und den Verstand von einem selber und mit denen aus aller Welt miteinander vernetzen und zum Wohl der Allgemeinheit entscheiden. Wir können so dankbar sein, dass so viele Menschen in der Pflege und Medizin jeden Tag ihr Leben aufs Spiel setzen um anderen zu helfen und dass die Wissenschaft so weit ist um Impfstoffe in so kurzer Zeit entwickeln zu können (da wären Menschen aus anderen Epochen sicherlich froh gewesen), dass es wirklich mehr als undankbar ist wenn man dann nicht alle Möglichkeiten nutzt um mitzuhelfen.

  • #5

    Daniel Forchheim (Dienstag, 16 März 2021 16:13)

    Von mir aus darf jedeR glauben, was er/sie will. Ein paar Fragen zum Artikel und zum Glauben: "Wäre die Prophezeiung von Jona auch selbst zerstörend gewesen, wenn der König nicht an einen reuigen Gott geglaubt hätte?" "Inwieweit hängt die Wirkung der Prophezeihung vom Propheten ab und inwieweit von dem Ohr, das sie hört?" "Wie willst Du mit der Corona-Prophezeiung umgehen?" "Welches sind deine Konsequenzen?" "Woran glaubst Du?" "Und kannst Du auch damit umgehen, dass dein Nächster etwas ganz anderes glaubt?" "Kannst Du zulassen, dass sein Weg genauso legitim ist, wie deiner?" Mich hat meine Herzensentscheidung zu verblüffend einfachen alternativen Lösungen für die Erhaltung meiner Gesundheit geführt. Und wieder einmal war ich erstaunt, wie freiheitsliebend dieser Gott ist, der uns diese einfachen Leitsterne an die Hand gegeben hat: Glaube, Freude, Freiheit und Liebe!

  • #6

    Friedemann (Sonntag, 21 März 2021 13:57)

    Ich kann auf dieser Seite kaum auf alle deine Fragen eingehen. Das liegt schon daran, dass ich von mir nicht behaupten möchte, auf alle Fragen eine Antwort zu haben. Eine intellektuell redliche Antwort auf die Frage, ob die Prophezeiung in Erfüllung gegangen wäre, wenn der König und seine Untertanen nicht drauf gehofft hätten, dass sie Gott gnädig stimmen könnten, vermag ich nicht zu geben.
    Wie mich mit der Corona-Prophezeiung umgehe, willst du wissen. Als Vorsitzender des Kirchenvorstandes unserer Gemeinde habe ich da zusammen mit dem gesamten Vorstand eine besondere Verantwortung. Wir sind froh, dass wir wieder (bzw. noch) Gottesdienste feiern können. Wir halten uns an die vorgeschriebenen Regeln, tragen medizinische Masken und verzichten auf Gesang. Wir tragen auch Verantwortung für besonders gefährdete Menschen.
    Als Lehrer in der Schule bin ich daran interessiert, dass die Kinder und Jugendlichen möglichst bald wieder Präsenzunterricht und dass keiner von uns in Quarantäne geschickt wird. Deshalb halten wir uns genau an die vorgeschriebenen Regeln.
    Von mir aus kann jeder und jede glauben, die Corona-Pandemie sei eine Erfindung, und die Maßnahmen dienten zur Errichtung einer Diktatur. Aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn Zehntausende ohne Masken und Sicherheitsabstände gegen diese angebliche Diktatur demonstrieren und diesen Widerspruch noch nicht einmal erkennen: Dass sie demonstrieren dürfen, zeigt ja, dass sie nicht in einer Diktatur leben.
    Denn Freiheit, meiner lieber Daniel, ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden, sagt Rosa Luxemburg. Und man könnte das für die Gegenwart abwandeln: Gesundheit ist immer auch die Gesundheit der anderen.

  • #7

    J.F. (Montag, 22 März 2021 11:58)

    Danke, Friedmann für Deine Antwort auf Daniels Fragen.