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Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?

Bei Lidl ist das Schweinefleisch wieder billiger geworden. Aber bevor du jetzt gleich zu Lidl rennst, lies erst einmal den Text.

 

 


Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? (Psalm 8,5)

 

Was ist der Mensch? So genau und eindeutig kann diese Frage kaum beantwortet werden, denn der Mensch kann keine objektive Aussage darüber treffen, was der Mensch sei. Denn er selbst ist es ja, der diese Aussage treffen muss, und das Subjekt der Betrachtung ist damit zugleich sein Objekt. Jede Aussage über den Menschen an sich, ist zugleich eine Aussage über mich, wie ich mich verstehe oder wie ich verstanden werden möchte. Aber allein die Tatsache, dass wir über diese Frage nachdenken, was der Mensch ist, unterscheidet uns von anderen Lebewesen, die zumindest nach unserer Kenntnis nicht wie wir über die Frage philosophieren, „worin unser Menschsein (im Unterschied zu nichtmenschlichen Lebewesen) und unsere Menschlichkeit (im Unterschied zu unmenschlichen Lebensweisen) besteht“ (Ingolf U. Dalferth).

 

„Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott“, sagt der Beter weiter, „mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Ps 8,6) Wenig niedriger, das ist sehr hoch, aber eben doch niedriger, nicht wie Gott. Der Mensch bleibt ein Geschöpf Gottes, so wie alle anderen Geschöpfe auch. Er ist nicht Gott. Er ist ausgestattet mit unglaublichen Fähigkeiten, die ihm z.B. ermöglicht haben, mit Raketen auf den Mond zu fliegen oder innerhalb kürzester Zeit Impfstoffe zu entwickeln, um sich damit vor einem gefährlichen Virus zu schützen. Aber er bleibt ein Geschöpf. Diese Aussage ist nicht so banal, wie sie vielleicht klingen mag. Wer sich als Geschöpf in dieser Welt sieht, der ist sich auf zweifache Weise seiner selbst bewusst. Erstens: Ich verdanke mich und mein Leben nicht mir selbst; zweitens: ich bin nicht allein auf der Welt und nicht der alleinige Maßstab auf der Welt, weil es ja noch viele andere Geschöpfe gibt. Der Theologe und Religionswissenschaftler Ingolf U. Dalferth definiert deshalb „Sünde“ nicht im moralischen Sinn als ein Vergehen gegen eines der Gebote Gottes. Vielmehr bedeute Sünde zu vergessen, dass wir als Geschöpfe unter Geschöpfen leben.

 

Zwar ist in dem Psalm die Rede davon, dass Gott den Menschen zum Herrn über seine Schöpfung und alles „unter seine Füße“ gegeben habe: „Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere“ (Ps 8,8). Aber der Mensch ist es nicht durch sich selbst, sondern durch Gott, demgegenüber er für sein Verhalten verantwortlich ist. Wenn wir also eine „unmenschliche Verhaltensweise“ gegenüber den „nichtmenschlichen Lebewesen“ an den Tag legen, befinden wir uns nach Dalferth in einem Zustand der Sünde, weil wir vergessen haben, dass nicht wir Gott sind, sondern dass wir uns und unser Dasein Gott zu verdanken haben, so wie die anderen Lebewesen auch. „Menschlich ist ein Leben, dass die Lebenslüge verneint, man habe Macht über sich selbst und müsse nicht zwischen der Nichtverantwortlichkeit für sein Dasein und der Verantwortlichkeit für sein Sosein unterscheiden“[1].

 

Es ist allerdings eine Definitionssache, wo diese Unmenschlichkeit beginnt: Da, wo wir überhaupt tierische Produkte für uns nutzen, wie der Veganismus behauptet, oder erst da, wo Tiere für unser Wohlergehen gequält und brutal ausgenutzt werden, wie z.B. in der Massentierhaltung oder der modernen Milchwirtschaft? Im Dezember 2020 hatte der Discounter Lidl den Preis für Schweinefleisch als Reaktion auf Proteste der Landwirtschaft deutlich angehoben. Letzten Samstag war in der Neuen Osnabrücker Zeitung allerdings zu lesen, dass Lidl seine Preise für Schweinefleisch wieder gesenkt habe, weil die Mitbewerber nicht mitgezogen hätten und Lidl somit nicht konkurrenzfähig gewesen sei. Die Verbraucher behaupteten zwar immer, ihnen liege Tierwohl am Herzen, würden dann aber doch immer nur nach dem billigsten Angebot greifen. Die Kommentatorin in der NOZ schreibt dazu: „Die Kluft zwischen Reden und Handeln der Bürger – und damit die Scheinheiligkeit – könnte größer nicht sein.“ Das ist die Lebenslüge des Menschen, den Gott „nur wenig niedriger gemacht“ hat. Wenn man uns so sieht, mag man oft nicht so recht daran glauben.

 


[1] Zitate aus dem Buch: Ingolf U. Dalferth: Sünde. Die Entdeckung der Menschlichkeit, Leipzig 2020.

Bild: Aus einem Werbeprospekt von Lidl: https://www.lidl.de/prospekte/aktionsprospekt-15-02-2021-20-02-2021-1/view/flyer/page/10 (Download 08.02.2021)

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Ernst Buermeyer (Freitag, 12 Februar 2021 10:19)

    Ich danke Dir, lieber Friedemann, herzlich für Deinen erneut sehr lesenswerten und pointierten Beitrag!
    Bleibt gesund und esst gesund!

  • #2

    Daniel Forchheim (Freitag, 12 Februar 2021)

    Danke Friedemann. Ich finde das so wichtig. Wenn ich lese, "mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Und dann soll ich mich damit zufrieden geben, andere Wesen quälen zu müssen und mich mit Dumping-Preis-Produkten zu versorgen. Ich weigere mich, zu glauben, dass das in irgendjemand Freude auslöst. Es geschieht aus Angst. Angst, es gäbe nicht genug, Angst nicht genug zu sein. Vielleicht will uns diese Krise auch ganz deutlich sagen, dass jeder von uns sich wieder die Corona aufsetzen darf.

  • #3

    Ingrid v. Saltzwedel (Freitag, 12 Februar 2021 17:52)

    Ja, lieberFriedemann, ich unterschreibe all diese Gedanken. " Die anderen Lieferkettem haben nicht mitgezogen": Auch da, kein verantwortungsvolles und mitmenschliches Handeln - es ist nicht nur Angst, es ist die Gier.

  • #4

    U.S. (Dienstag, 16 Februar 2021 11:13)

    Ja, das "wenig" ist wohl Anschauungssache... Aber mir stellt sich da die wenn auch etwas kindliche oder naive Frage warum er uns niedriger gemacht hat? Weil ein Stellvertreter immer etwas schlechter oder geringer sein muss als der Chef? Oder weil ein perfektes Leben eben kein richtiges (Er-)leben ist?