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Ich hebe meine Augen auf

Der Hurrican Ridge im Olympic National Parc, USA.

Foto: Friedemann Neuhaus

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. (Psalm 121,1)

 

Menschen meiner Generation und älter kennen das vielleicht: Eine Band oder einen Musiker bzw. Musikerin zu haben, die einen schon gefühlt das ganze Leben begleitet. Bei manchen sind es die Rolling Stones, bei anderen Bob Dylan oder Nena. Bei mir ist es die Kölner Rockband BAP, um den Texte-Schreiber Wolfgang Niedecken. Eines der ältesten Lieder von BAP, nach Aussage Niedeckens sogar „die älteste Nummer, die mer dropp han“, heißt „Helfe kann dir keiner“. In diesem düsteren Text, den ich gefühlt schon tausendmal mitgegrölt habe, heißt es: Wenn de janz kapott bess, / weil op eimohl einer fott ess, / vun däm de meins, / dat de ahn ihm hängs – / Wenn de Deck dir op der Kopp fällt / un dich nix mieh doheim hällt, / weil do keiner ess, / dä met dir verzällt – / Jangk dir einen drinke, Jung, / schwaad einer ahn, / do setzen doch jenooch eröm, / die och et ärme Dier hann. / Helfe kann dir keiner, / se verzällen dir nur Seiwer / vun „... waat ens aff, / et weed alles widder joot, widder joot!“ Für diejenigen unter euch, die sich mit dem Kölsch etwas schwertun, hier die hochdeutsche Fassung: Wenn du ganz kaputt bist, / weil auf einmal einer fort ist, / von dem du meinst, / dass du an ihm hängst – / Wenn dir die Decke auf den Kopf fällt / und dich nichts mehr zu Hause hält, / weil da keiner ist, der mit dir redet – / Dann geh einen trinken, Junge, / sprich jemanden an, / da sitzen doch genug herum, / die auch verzweifelt sind. / Helfen kann dir keiner, / sie erzählen dir nur Unsinn, / wie: „Wart mal ab, es wird alles wieder gut, wieder gut.“

 

„Helfe kann dir keiner“ ist die in sich verkrümmte Haltung eines Menschen, der von seiner Umgebung keine Hilfe erwartet, der sich in seinem Leid nur um sich selbst dreht. Die anderen reden doch nur Unsinn, sie wollen dich mit platten Sprüchen aufmuntern: „Wart mal ab, Junge, das wird schon wieder.“ Und das kann man in einem solchen Moment eines tragischen Verlustes, der Verzweiflung und Einsamkeit am allerwenigsten gebrauchen.  

 

Wie anders ist dagegen die Haltung des Psalmbeters: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Er hält Ausschau nach Hilfe. Ich bin kein Psychologe, aber ich kann mir vorstellen, dass die wichtigste Voraussetzung dafür, aus einem Stimmungstief oder gar einer Depression herauszukommen, ist, die Augen zu erheben und nach Hilfe Ausschau zu halten. Wer immer nur die Aussichtslosigkeit vor Augen hat, dem kann auch viel schwerer geholfen werden als demjenigen, der von sich aus nach Hilfe sucht: „Ich heben meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Der Beter hat diese Hilfe schon bei Gott gefunden: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Ps 121,2) Warum verweist er in dem Moment seiner Verzweiflung auf die Schöpfung? Darin steckt die Erkenntnis, ein Geschöpf zu sein so wie alle anderen Menschen und nicht-menschlichen Geschöpfe auch. Und das ist das Eingeständnis, das eigene Leben nicht sich selbst zu verdanken, nicht alleiniger Meister des eigenen Lebens zu sein. Wer nur das „Helfen kann dir keiner“ vor Augen hat, der meint, er allein müsste sich selbst retten und befreien aus seiner Verzweiflung und Angst. Dagegen steht der Satz: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“

 

Allen, die in diesen Tagen den Verlust eines Menschen zu beklagen haben, sei es durch Covid19 oder aufgrund einer anderen Ursache, wünsche ich, dass sie die Augen erheben und nach Hilfe Ausschau halten können. Ihnen sei gesagt: Helfen kann dir einer. Nicht durch einen Zauberspruch oder eine platte Vertröstung. Gott hat viele Helferinnen und Helfer auf der Erde  -  jede und jeder von uns kann eine solche Hilfe sein.

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Kommentare: 8
  • #1

    Ingrid von Saltzwedel (Freitag, 29 Januar 2021 09:48)

    " Helfen kann Dir Einer", ja, das ist eine großartige Wahrheit, kein oberflächliches Geplapper. Aber helfen kann dieser Satz nur dem/ der Glaubenden, und da liegt das Problem der Vielen,( wie meine Freundin Lesly einmal sagte:" Wie kann ich glauben, wenn ich nicht weiß, woran ich glauben soll?"
    Trotzdem: Dank Dir für diesen Beitrag. Ich wünschte, es läsen ihn viele!
    Lieben Gruß
    Ingrid

  • #2

    Ulla Neuhaus (Freitag, 29 Januar 2021 12:08)

    Ein schöner inspirierender Impuls!
    Wenn alle Menschen die Augen zu den Bergen, dem Himmel den Wolken aufheben, die Schönheit der Natur erkennen könnten und die Hilfsbereitschaft vieler Mitmenschen wahrnehmen würden, hätten wir wahrscheinlich viel weniger Gewalt , Unzufriedenheit, Komplottdenkerei u.ä. auf unserer Erde.
    Hilfe brauchen auch diejenigen, die voller Hass sind und unsere demokratischen Strukturen vernichten wollen. Schön wäre es, wenn wir diese Menschen mit diese Botschaft auch erreichen könnten .

  • #3

    Ruth (Freitag, 29 Januar 2021 17:05)

    Vielen Dank, lieber Friedemann, für diese Worte. Leider habe ich meine Predigt für Sonntag fertig. Hätte einiges gut reingepasst.
    Liebe Grüße

  • #4

    Jan David Dreyer (Samstag, 30 Januar 2021 00:16)

    Lieber Friedemann,
    auch wenn ich angesichts des Todes meines Vaters nicht verzweifelt bin, sondern hauptsächlich dankbar für das, was er mir in seinem langen Leben mitgegeben hat, haben mich deine Gedanken sehr berührt. Schließlich ist es gerade der Glaube an und das Vertrauen auf einen gnädigen, helfenden und liebenden Gott, den mir meine Eltern vermittelt haben.
    Und gerade in diesen Tagen erlebe ich Unterstützung durch viele verschiedene "göttliche" Helferinnen und Helfer auf Erden. Dafür bin ich sehr dankbar!

  • #5

    Daniel Forchheim (Sonntag, 31 Januar 2021 11:12)

    Danke, Friedemann. Dieser Text geht mal wieder unter die Haut. Da hab ich mir gleich mal die Live-Version von dem Lied von BAP angeschaut. In deinem Artikel steckt so viel Mut zu Vertrauen. Es gibt immer jemanden da draußen, einen Gesandten von Gotte, der dir helfen kann. Um die Augen aufzuheben darf ich mich auch aufrichten, mich groß machen und das Vertrauen haben, dass ich genau richtig bin, wo und wie ich bin. Und, dass alles und alle um mich herum genau richtig sind, wo und wie sie sind. Danke!

  • #6

    Friedemann (Montag, 01 Februar 2021 11:05)

    Danke an euch für eure lieben und aufmunternden Kommentare. Auf dem neuen Album von BAP (heute wieder Niedeckens BAP) „Alles fließt“ sind auch wieder ein paar starke Stücke drauf mit vielen Erinnerungen an die Anfangszeit. In „Volle Kraft voraus“ macht sich Niedecken selbst Mut: „Hühr mir joot zo, lass, dich nit hänge, ahle Mann, et jitt e Leeve zo jeneeße, denk aff un zo ens dran. Versöök dich zo erinnere, wie sich Happiness anföhlt, denk ahn dä Sommer, als die Welt sich öm ‘ne popelije Baggersee jedrieht.“ Also - lassen wir uns nicht hängen, und wenn es uns mal schlecht geht, versuchen wir uns daran zu erinnern, wie sich Happiness anfühlt.

  • #7

    Klaus Bergmann (Montag, 01 Februar 2021 17:07)

    Danke, Friedemann.

  • #8

    Kimm Herlyn (Samstag, 27 Februar 2021 10:36)

    Eine sehr schöne Idee und ein guter Impuls, vielen Dank!