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Seid barmherzig

Foto: kalhh auf Pixabay

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Lukas 6,36)

 

Die Jahreslosung 2021 passt wie kaum ein anderer Vers der Bibel als Überschrift über das ganze Jahr. Denn das, was wir jetzt in dieser Corona-Pandemie am meisten brauchen, das ist gegenseitige Bereitschaft zur Barmherzigkeit und zur Vergebung. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat schon im Frühjahr 2020 zu Recht darauf hingewiesen, dass wir uns nach der Pandemie „alle miteinander viel zu verzeihen“ hätten. Wie unbarmherzig sind wir, wenn wir auf das vermeintliche oder tatsächliche Versagen von Politik und von Verwaltung schauen, wenn wir Fehlverhalten anderer feststellen und kritisieren! Wir richten und urteilen sehr schnell und sind dabei meist gar nicht besser als die anderen. Es ist doch merkwürdig, dass die Mehrheit der Deutschen davon überzeugt ist, sich wirklich an die Corona-Regeln zu halten, gleichzeitig aber glaubt eine Mehrheit auch, dass die meisten anderen es nicht tun.

 

Der oben genannte Vers stammt aus dem Lukas-Evangelium, er ist Teil der sogenannten Feldrede (Lk 6,17-49), die wir aus dem Matthäusevangelium als Bergpredigt (Mt 5-7) kennen. Hier gibt es z.B. auch die bekannten Seligpreisungen (Lk 6,20-23; Mt 5,3-12) und das Wort von der Feindesliebe (Lk 6,27-35; Mt 5,39-48). Warum spricht Jesus bei Matthäus von einem Berg, bei Lukas aber auf einem Feld, einem freien Platz? Man kann sich das, vereinfacht gesagt, so vorstellen, dass Matthäus zu einer eher jüdisch geprägten Gemeinde spricht, die bei dem Begriff „Berg“ sofort an Mose, den Berg Sinai und die Zehn Gebote denkt. Bei Lukas hingegen, der für eine eher hellenistisch (griechisch) geprägte Gemeinde schreibt, wird das Feld bzw. der freie Platz unmittelbar mit dem Marktplatz, dem Forum verbunden, auf dem Gericht gesprochen und politische Entscheidungen getroffen werden. Klar ist in beiden Fällen: Jesus spricht mit höchster Autorität.

 

Und mit dieser höchsten Autorität sagt Jesus: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“ (Lk 6,36-37) Verheißungen, die an eine einfache Voraussetzung geknüpft sind: Wie du mir, so ich dir! Der Regionalbischof von Ostfriesland, Detlef Klahr, hat in seiner Neujahrspredigt im Osnabrücker Dom daraus die schöne Variante gemacht: „Wie Gott mir, so ich dir.“ Wenn man einmal darüber nachdenkt, was einem in diesem Leben schon Gutes widerfahren ist und wo man Gottes Barmherzigkeit erfahren durfte, dann fällt es einem vielleicht leichter, selbst barmherzig zu sein. Ich will das als Mahnung an mich verstehen, dass ich selbst vielleicht barmherziger sein sollte, weil auch ich der Barmherzigkeit bedarf.

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Kommentare: 3
  • #1

    Gunther Bretz (Freitag, 15 Januar 2021)

    Hallo Friedemann, vielen Dank für diesen Impuls und für deinen Schlusssatz. Es ist nicht immer einfach, sich den Spiegel selbst vorzuhalten, es bedeutet auch viel Arbeit, da dann auch rein zu kucken und die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

  • #2

    Johanna Forchheim (Sonntag, 17 Januar 2021 17:22)

    Danke, Friedemann, für deine Aufklärung und die Herleitung der beiden Stellen aus dem Matthäus- bzw Lukasevangelium. Von höchster Autorität erfahren wir Barmherzigkeit dafür können wir nur danken und Barmherzigkeit weitergeben und vergeben.

  • #3

    Ingrid von Saltzwedel (Dienstag, 26 Januar 2021 17:43)

    Ich schließe mich dem Dank an, lieber Friedemann, und ich kann sagen: Je älter ich werde, um so bewusster wird mir, dass eigentlich mein ganzes Leben beschützt war durch Gottes Barmherzigkeit und die unendlich vielen Fügungen.