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Von guten Mächten

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Dietrich Bonhoeffer, Dezember 1944

 

Foto: EG 65, Friedemann Neuhaus

Dieses Gedicht erreichte die Eltern Dietrich Bonhoeffers über einen Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer vom 19.12. 1944 aus dem Gefängnis des Reichssicherheitshauptamts in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Es ist ein Hoffnungsgedicht zum neuen Jahr und wird deshalb in vielen Kirchengemeinden auch an Silvester und Neujahr in den Gottesdiensten gesungen. In der ersten Strophe heißt es: „Von guten Mächten treu und still umgeben / behütet und getröstet wunderbar, / so will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

 

Dabei war Bonhoeffer objektiv betrachtet nicht von guten, sondern von sehr bösen Mächten umgeben. Seit April 1943 befand er sich unter dem Vorwurf des Hochverrats in der Haftanstalt Berlin-Tegel. Im Oktober 1944, also nach dem Attentat vom 20. Juli, wurde Bonhoeffer aus dem Wehrmachtsgefängnis in das der Gestapo unterstehende Gefängnis des Reichssicherheitshauptamts überführt. Ein Aktenfund belastete Bonhoeffer schwer, an den Umsturzplänen gegen Hitler beteiligt gewesen zu sein. Im Februar 1945 verschwand Bonhoeffer für die Familie unauffindbar aus Berlin und gelangte über das Konzentrationslager Buchenwald in das Lager Flossenbürg, wo er am 9. April 1945 hingerichtet wurde. Von guten Mächten wunderbar geborgen?

 

Heute leben wir in einer gänzlich anderen Zeit, fühlen uns aber dennoch oft von bösen Mächten umgeben. Antisemitismus und Rechtsradikalismus nehmen sichtbar zu und schrecken auch vor  mörderischen Anschlägen nicht zurück. Der fundamentalistische Islamismus hat mit dem Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty – nebst anschließender Enthauptung – einmal mehr seine brutale Unmenschlichkeit unter Beweis gestellt. Gleichzeitig nimmt die Zahl der islamfeindlichen Übergriffe auf muslimische Einrichtungen und Repräsentanten auch in Deutschland deutlich zu. Klimawandel und die hilflose Flüchtlingspolitik gehören seit Jahren zu den Themen, die unseren Blick in die Zukunft verfinstern. Und in diesem Jahr nun Corona. Viele Menschen werden durch Verschwörungstheorien verunsichert und schließen sich der Querdenken-Bewegung an.  Dort werden Ängste geschürt vor einer angeblichen "Verchippung" der Menschen bei der Impfung und vor einer vermeintlich drohenden Coronadiktatur, so dass sich eine Demonstrantin sogar zur Widerstandskämpferin á la Sophie Scholl zu stilisieren versuchte. Die offensichtliche Widersprüchlichkeit, dies auf einer öffentlichen Demonstration ungestraft sagen zu dürfen, fällt dabei offenbar nicht auf. Die Widerstandskämpfer der Weißen Rose oder eben Dietrich Bonhoeffer wären froh gewesen, so offen und frei reden zu dürfen.

 

Bonhoeffer war das genaue Gegenteil eines solchen Verschwörungstheoretikers. Er vertrat eine „Theologie der mündigen Ohnmacht“, eine Theologie, derzufolge die Macht Gottes gerade in seiner Ohnmacht in der Krippe und am Kreuz zu finden ist. Er wandte sich vehement dagegen, Christus zur Lösung aller Probleme, zur Antwort auf alle Fragen und zur Medizin für die Krankheiten der Welt zu stilisieren[1]. Nach Bonhoeffers Urteil wird Gott nicht in den Lauf der Geschichte eingreifen, um den bösen Mächten das Handwerk zu legen. Das sei ein verloren gegangener kindlicher Wunderglaube, der zwar allen Religionen innewohne, um Trost und Hilfe in Notsituationen zu spenden, zu dem man als mündiger Christ in der Moderne aber nicht einfach zurückkehren könne.

 

Wer sind dann aber die guten Mächten, von denen er sich in seinem Kellerloch wunderbar geborgen fühlte? Wie konnte er dennoch glauben, dass Gott bei uns ist „am Abend und am Morgen“? In dem genannten Brief an Maria von Wedemeyer schreibt Bonhoeffer, wo für ihn die guten Mächte Gottes zu finden sind: „Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und meine Studenten an der Front, sie sind alle für mich stets gegenwärtig. Deine Gebete, gute Gedanken, Worte aus der Bibel, längst vergangene Gespräche, Musikstücke und Bücher – das alles gewinnt Leben und Realität wie nie zuvor. Es ist eine große unsichtbare Welt, in der man lebt.“[2]

 

In dieser Gewissheit wurde für Bonhoeffer die Gegenwart Gottes real und erfahrbar. Wer in einer solchen Lage noch so zu glauben vermag wie Bonhoeffer, der hat die Macht des ohnmächtigen Gottes wahrlich erfahren. Heute nennt man das Resilienz, innere Widerstandskraft gegen die Anfechtungen des Lebens. Für Bonhoeffer war es Glaube. Ich wünschte, ich könnte so glauben.



[1] Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, München 6. Aufl. 1989, S. 983

[2] Zit. nach: Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten. Gebete und Gedichte. München 8. Auflage 1991, S. 77.

 

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