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Dein König kommt zu dir

Die Heilige Familie in der Matthäuskirche.

Foto: F. Neuhaus

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. (Sacharja 9,9-10)

 

Erzbischof François Fénélon war Hofprediger am Hofe Ludwigs XIV. und Erzieher von Ludwig, dem Herzog von Burgund und Enkel des Königs. Fénélon verfasste 1699 eine Art Fantasyroman, der zwar in der Antike spielte, aber zugleich als Lehrbuch für einen künftigen guten und gerechten Herrscher dienen sollte, der sein Schüler ja durchaus hätte werden können.

 

Über einen idealen König schrieb er darin zum Beispiel: „Er soll nicht mehr Reichtum und Vergnügungen, wohl aber mehr Weisheit, Tugend und Ehre haben als die übrigen Menschen. Nach außen soll er als Befehlshaber des Heers der Verteidiger des Vaterlandes, nach innen der Richter der Völker sein und sie gut, weise und glücklich machen. Nicht um seinetwillen haben ihn die Götter zum König gemacht, er ist es allein zu dem Zweck, dass er der Diener der Völker sei.“

 

Bald nach Veröffentlichung des Buches wurde es auch schon verboten; Erzbischof Fénélon musste den Hof in Versailles verlassen. Denn es war offensichtlich, dass er mit diesem Buch den selbstherrlichen Regierungsstil und die Kriegspolitik des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. (der in 30 von 54 Regierungsjahren Krieg führte) kritisiert hatte. Die Mächtigen lassen sich nicht gern kritisieren, sie lassen sich nicht gern einen Spiegel vorhalten.

 

Die Menschen sehnen sich nach Frieden und nach Herrschern, die für Gerechtigkeit sorgen. Das war auch zu Zeiten des Propheten Sacharja so, der uns in einer großartigen Vision den Traum von zerstörten Streitwagen und zerbrochenen Kriegsbögen vor Augen führt (der oben genannte Vers ist möglicherweise im 4. Jahrhundert v.Chr. unter dem Eindruck der Eroberungszüge Alexanders des Großen entstanden). Ein König soll es sein, so anders als die sonstigen Herrscher, einer, der nicht auf hohem Kriegsross daherkommt, sondern auf einem friedlichen Esel.

 

Auch die heute Mächtigen sind nicht besser als Ludwig XIV. US-Präsident Donald Trump konnte und kann es noch immer nicht akzeptieren, kritisiert oder gar abgewählt zu werden. Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko lässt sich mit Kalaschnikow filmen, um die Demonstranten im eigenen Land einzuschüchtern. Wladimir Putins Machtapparat schüchtert die Opposition mit politischen Morden und harten Gefängnisstrafen ein.

 

 Nach christlicher Lesart kommt der König, der Frieden und Gerechtigkeit bringen soll, in Gestalt des kleinen Jesus-Kindes auf die Erde. Da aber auch nach zweitausend Jahren Christentum noch keine Besserung in Sicht ist, auch und schon gar nicht bei nominell christlichen Herrschern (Ludwig, Putin, Trump, Lukaschenko), fragen sich viele, ob sich die Christinnen und Christen nicht doch geirrt haben, ob Jesus wirklich der ersehnte Friedefürst ist.

 

Während ich dies schreibe, sitze ich gerade in der Matthäuskirche in der Offenen Kirche im Advent und lese zum 3. Dezember Folgendes: 

 

„Mensch. Macht. Geschichte.

Mensch macht Geschichte.

So ist das.

Gute und böse Geschichte.

Und Gott steht dabei und schickt seinen Sohn.

Bald ist Weihnachten. Da kommt er.

Jedes Jahr in die Geschichte,

wie sie grade jetzt ist.

Wie schreibst du mit an der Geschichte?“

Michael Greßler

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Matthias (Freitag, 04 Dezember 2020 12:22)

    Danke für diesen Text. Es kann schon zum Verzweifeln sein. Die Sache mit dem Frieden und mit Gott und mit Jesus und wo bleibt denn jetzt, was er uns versprochen hat? Es lässt einen zweifeln. Aber der Zweifel gehört zum Glauben. Das eine gibt's nicht ohne das andere. Und Zuversicht gehört auch zum Glauben. Also bleiben wir dran. Wie der Erzbischof Fenelon. Versuchen. Immer wieder versuchen. Am Frieden arbeiten. Trotzdem.

  • #2

    Sabine Bretz (Sonntag, 06 Dezember 2020 11:17)

    Vielen Dank für den schönen Text, womit Du wahrscheinlich vielen aus der Seele sprichst. Leider erfolgt die mediale Berichterstattung nur dem Auftischen von schlechten Neuigkeiten, deshalb fühlt man sich manchmal erschlagen von dem Wahnsinn der die Welt regiert. Aber es gibt ja auch noch die anderen : Merkel, Trudeau, Macron u. viele andere, die nicht rechtsaussen stehen, sondern für Ausgleich und Aussöhnung stehen.
    Letztendlich glaube ich, dass jeder einzelne durch Jesus dazu aufgefordert ist, in seine Nachfolge zu treten. Das ist die einzige Möglichkeit, um gesellschaftlich und politisch etwas zu verändern. Das schlägt Wellen und zieht immer größere Kreise. Das ist nicht leicht in dieser säkularen Welt, aber eben der"schmale " Weg von dem ER sprach. Mir würde dazu jetzt noch ganz viel einfallen, aber ich höre lieber auf und wünsche allen, die hier mitlesen einen besinnlichen 2.Advent und Nikolaustag.

  • #3

    Daniel Forchheim (Sonntag, 06 Dezember 2020 13:42)

    Gänsehaut beim Lesen. Danke für deine Blogartikel, Friedemann!