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Ein Recht auf Selbsttötung?

Landesbischof Meister und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum assistierten Suizid

 

Foto: Heiko Preller, evlka.de

 

 

Am 26. Februar 2020 erklärte das Bundesverfassungsgericht (BVG) in Karlsruhe den Paragraphen 217 des Strafgesetzbuches für verfassungswidrig. In diesem Paragraphen wird die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ verboten. Dieses 2015 nach intensiver Debatte beschlossene Gesetz hat das BVG nun gekippt. In der Begründung verweist der zweite Senat auf das Recht auf Selbstbestimmung des Einzelnen, zu dem auch das Recht auf ein selbstbestimmtes Ende gehöre: „Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Die in Wahrnehmung dieses Rechts getroffene Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.“ Die sehr ausführliche Begründung und Erläuterung des Gesetzes schließt mit den Worten: „All dies lässt unberührt, dass es eine Verpflichtung zur Suizidhilfe nicht geben darf.“

 

Kurz nach dem Urteilsspruch veröffentlichten die beiden obersten Vertreter der beiden großen Kirchen, Kardinal Reinhard Marx und Bischof Heinrich Bedford-Strohm, eine Erklärung, in der sie das Urteil scharf kritisierten: „Mit großer Sorge“ hätten sie das Urteil zur Kenntnis genommen, denn es stelle einen Bruch in der bisherigen auf Lebenserhaltung ausgerichteten Kultur dar. Die Kirchenvertreter befürchten, dass ältere Menschen durch dieses Urteil bedrängt und unter Druck gesetzt werden könnten, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Die Kirchen dürften nicht hinnehmen, dass „organisierte Angebote der Selbsttötung“ zur „akzeptierten Normalität“ würden. 

 

Aber so eindeutig sind die Positionen in der Evangelischen Kirche nicht. Im Gegensatz zur offiziellen Position der EKD begrüßte Landesbischof Ralf Meister in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung das Urteil des BVG: „Der Mensch hat ein Recht auf Selbsttötung, wobei ich hier Recht nicht juristisch meine, sondern theologisch als eine Möglichkeit verstehe. Wenn mir Gott das Leben schenkt, hat er mir an dem Tag, ab dem ich Erdenbürger bin, auch die Berechtigung zur Gestaltung dieses Lebens gegeben.“ Meister distanziert sich zwar von dem, wie er sagt, „heroischen Begriff der Selbstbestimmung“, wie er vom BVG verwendet werde, dennoch gehört für ihn zur Würde des Menschen auch ein Recht auf ein selbstbestimmtes Ende. 

 

Insofern stellt die Argumentation von Ralf Meister durchaus eine erhebliche Akzentverschiebung im Vergleich zu den bisherigen Positionen der Kirchen dar. Zwar betont auch Meister, dass das Leben bis zum letzten Atemzug als lebenswert empfunden werden solle, aber wir sollten zugleich „den Respekt behalten vor Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst wählen wollen und um angemessene Hilfe bitten.“ Denn was ist ein lebenswertes Leben? Und wenn ich es selbst nicht mehr als lebenswert empfinde, darf ich dann selbst entscheiden, es zu beenden bzw. mit Hilfe anderer beenden zu lassen?

 

Die innerkirchliche Debatte kreist also immer wieder um drei Begriffe: Die Würde des Menschen, Selbstbestimmung und Leben als Geschenk. Dabei werden aber durchaus unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen: Während für die einen die Würde des Menschen möglichst große Autonomie bedeutet, betonen die anderen den Schutz der Alten, Schwachen und Kranken, denen diese Würde ebenso zustehe wie den jungen, gesunden und leistungsfähigen Menschen. Bisher betonten beide großen Kirchen stets die Gefahr, dass sich durch eine solche Erlaubnis zum geschäftsmäßigen Suizid ältere Menschen unter Druck gesetzt fühlen könnten, ihrem Leben ein Ende zu setzen, um den Angehörigen nicht länger zur Last zu fallen. Man solle vielmehr den Menschen mit entsprechenden medizinischen Hilfen das Lebensende so wenig leidvoll wie möglich gestalten (Palliativmedizin), auf keinen Fall dürfe „Selbsttötung zur selbstverständlichen Normalität, zum Jedermannsrecht“ (Wolfgang Thierse) werden.

 

Man darf gespannt sein, wie diese Debatte in der Kirche weitergeführt wird. Ich selbst schwanke in dieser Frage noch hin und her. Im Moment schlägt das Pendel mehr in die Richtung der Befürworter eines selbstbestimmten Endes, aber ich bin mir auch bewusst, dass das Leben ein Geschenk ist und der Zeitpunkt meines Todes im Grunde nicht in meiner Verfügungsgewalt steht. Für das Bundesverfassungsgericht steht fest: Es gibt keine Verpflichtung, dieses Recht auf einen assistierten Suizid wahrzunehmen, und kein Arzt kann gezwungen werden, eine solche Sterbehilfe zu leisten. Aber in einer pluralistischen Gesellschaft dürfen nach Auffassung des Gerichts alle Menschen selbst entscheiden, ob sie ihr Leben beenden wollen oder nicht. Es gibt demnach kein „besseres“ oder „schlechteres“ Sterben. Als Christinnen und Christen dürfen wir aber zudem – unabhängig von unserer Entscheidung – auf Gottes Barmherzigkeit hoffen.

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Daniel Forchheim (Montag, 23 November 2020 13:34)

    Wow! Da hast du dich an ein kontroverses Thema getraut, das bestimmt stark emotional aufgeladen ist. Danke auch für deine ganz persönliche Stellungnahme. Selbsttötung gerade im Alter ist bestimmt eine Frage, die noch nicht so lange Thema ist, bestimmt wenige Jahrzente alt!? Wer die Wahl hat, hat die Qual. Heute kann in vielen Fällen ein Mensch so lange leben, wie es die Technik erlaubt. Beatmung, künstliche Ernährung, etc. Ist da nicht am Ende der Tod sowieso oft eine Entscheidung? Entweder die eigene oder die der Angehörigen oder Ärzte?

  • #2

    Gunther Bretz (Samstag, 28 November 2020 15:39)

    Puh, sicher eine Frage, für die es keine eindeutige und schon gar keine einfache Antwort geben kann. Aber lasst uns hier diskutieren:
    Ich glaube, dass zum selbst bestimmten Leben auch in gewissem Grad ein selbst bestimmtes Sterben gehört, also ein Recht auf Selbsttötung besteht. Wenn ein Mensch tatsächlich so lebensmüde ist, wenn er weiß, dass sich sein Leben aufgrund von Krankheit nur unter Schmerzen mit Geräten oder Arzneien künstlich in die Länge zieht, dann kann dieser Mensch auch nicht mehr selbst bestimmt leben - dann kann eine selbst und bewusst getroffene Entscheidung zum Ende des eigenen Lebens richtig sein und die Hilfe hierzu ein Akt der Barmherzigkeit sein. Wichtig hierbei ist, dass der Betroffene sehr bewusst diese Entscheidung trifft und nicht von anderer Seite proaktiv zu dieser Entscheidung geführt/gedrängt wurde, dann soll er sagen können "Lasst mich nicht mehr leben".
    Aber welche Gewissenskonflikte tragen die "Helfer" aus? Wann handelt es sich um Hilfe zum Suizid? Ist es bereits das Erfüllen eines Wunsches lt. Patientenverfügung ("Ich möchte nicht an Geräten angeschlossen sein, wenn nur dadurch mein Leben künstlich verlängert wird")? Ist es das bewusste Überdosieren von Schmerzmitteln? Ist es das Bereitstellen eines "Giftcocktails", das zum schmerzfreien Tod führt?
    Jeder, der für einen Angehörigen bereits einmal eine solche oder ähnliche Entscheidung treffen musste, weiß, wie schwer das ist ...