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Der Sabbat ist für den Menschen da

Von Bettina Ley

 

„Was gestern noch galt, ist heute schon anders. Deshalb sind die neuen Corona-Regeln unser erstes Tagesthema“, sagte Caren Miosga in den Tagesthemen Mitte Oktober. Die Corona-Regeln schränken unser Leben ein, vor allem das der Jugendlichen. „Es ist 22.50 Uhr am Schlesischen Tor. Bevor der Späti (ein Kiosk, der auch spät noch geöffnet ist) gleich schließt, kauft Linus mit seinem Kumpel noch schnell ein Bier. Er ist gerade 18 geworden. „Klar, ich mach schon mit bei den Corona-Regeln. Aber es ist nicht mehr wie früher, wo man tanzen und hierhin und dorthin gehen und einen schönen Abend haben konnte."[1] „Wir halten uns an die Regeln – so gut es geht.“ Und ich denke: „Merkt ihr was? - So gut es geht, ist nicht genug. Bei den Zahlen!“ Ein schnelles Urteil, meine Meinung steht.

 

 

Im Markusevangelium heißt es:

 

Jesus ging am Sabbat durch die Kornfelder und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.

 

 

Da streifen Jesus und seine Jünger durchs Kornfeld, raufen die Ähren und essen sie, stillen ihren Appetit. Und während sich die Jünger Ähren raufen, raufen die Pharisäer sich die Haare. Ähren raufen am Sabbat – das macht man nicht!

 

 

Pharisäer waren eine theologisch und lebenspraktisch besondere Gruppe innerhalb der jüdischen Gemeinde. Eine Gruppe, die sich besonders genau an Gottes Gebote hielt, weil sie hoffte, dass sich mit der Einhaltung der Gebote, die allumfassende Gottesherrschaft einstellen würde. „Wenn Israel nur zweimal den Sabbat wie vorgeschrieben hält, bricht die Erlösung an“, lautete eine sprichwörtliche Redewendung. Darum achteten die Pharisäer nicht nur innerhalb ihrer Gruppe auf die Einhaltung der Gebote, sondern bemühten sich auch, die Bevölkerung dazu anzuleiten.

 

 

„Das ist nicht erlaubt! Hört auf damit.“ Und Jesus erklärt: „Ja, stimmt. Aber ihr überseht da etwas: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Anders: die Gesetze, die Gott erlassen hat, sind FÜR, nicht gegen den Menschen gemacht. Regeln als Hilfe, nicht als Einengung. Die Regel ist als Hilfe gedacht, damit Gott im Alltag von den Menschen nicht vergessen wird. Gott weiß doch, wie die Menschen ticken. Das Gedächtnis im Alltag ist so kurz, das Gedächtnis für die Dinge, die gut tun.“ Und ich frage mich: „War ich zu schnell mit meinem Urteil über die jungen Leute in den Tagesthemen?“ Regeln um der Regeln willen?

 

 

Schnell sehe ich mich in der Rolle der Pharisäer: „Wenn nur alle sich an die Regeln hielten, ausnahmslos, dann hätten wir die Pandemie im Griff; darum ist es doch wichtig, nicht nur innerhalb der eigenen Familie auf die Einhaltung der Regeln zu achten, sondern sich auch bemühen, die weitere Bevölkerung dazu anzuleiten. Ich meine es doch nur gut. Schließlich geht es um die Sicherheit von uns allen.“ Gibt mir die Regel das Recht, über andere zu urteilen?

 

Jesus weist mich liebevoll darauf hin: „Leben ist mehr als nur, sich an die Regeln zu halten. Regeln müssen auch interpretiert werden, denn es geht um mehr, als nur die Sachebene. Leben ist mehr, als eine Sachebene. Leben ist eben auch sozial. Manchmal hat man Hunger und Durst - nach Gemeinschaft. Ja, man kann auch sozial verhungern. Vergiss das nicht!“

 

 

Es ist Sonntag. Ich atme tief durch. Gleich ist Gottesdienst! Ist es vernünftig, mit 20 bis 30 Menschen in einem Raum zusammen zu kommen? Erlaubt ist es, aber ist es vernünftig? Ja und nein. Nein, weil natürlich ein Restrisiko besteht. Und ja: Ich habe Hunger und Durst nach Gemeinschaft, in der wir Gott begegnen. Ich möchte diesen Appetit stillen. Die Regeln sollen uns schützen, aber nicht verhindern, dass wir geistig satt werden. Und ich höre Jesus: „Ja, du sollst die Regeln schon kennen, aber sie sollen dich nicht versklaven. Sei vorsichtig, bei allem, was du tust. Sieh die Regeln als Hilfe für den Alltag an. Es geht ja auch um dich, um deine Gesundheit. Und um die andern Menschen neben dir. Was du tust – oder nicht tust – macht einen Unterschied. Für deine Eltern. Für deine Großeltern. Für deine Geschwister, deine Freundinnen und Freunde, die Fremde in Bus und Bahn oder im Supermarkt. Atme tief durch und vergiss nicht: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Die Regeln sind für die Menschen gemacht. Nicht umgekehrt.“[2]

 

 

Bettina Ley ist Lehrerin für Sozialpädagogik und ev. Religion an der Berufsbildenden Schule in Bersenbrück und Prädikantin im Kirchenkreis Osnabrück. 



[1] Frust bei der Generation Corona: https://www.tagesschau.de/inland/coronavirus-jugendliche-101.html

[2] Mit bereichernden Gedanken von Malte Stets (alias Stanley Owen) und Helmut Liebs

 

 

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