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Von der Freiheit eines Christenmenschen

Nach dem Training ein Motivationsschub. Schade, dass auch die Fitness-Studios im November geschlossen sind. Foto: F. Neuhaus

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“ (Martin Luther „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, 1520)

 

Zum Reformationstag möchte ich heute an eine der drei großen, vor genau 500 Jahren veröffentlichten, reformatorischen Schriften des Jahres 1520 erinnern: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, in der Luther seine gesamte Rechtfertigungslehre entfaltet.

 

Wenn ich im Fitness-Studio zum Aufwärmen 10 Minuten auf dem Crosstrainer strampele, wird mir am Ende immer angezeigt, wie viele Kilometer ich „gelaufen“ bin, wie viele Kalorien ich verbraucht habe, wie hoch meine Schrittfrequenz und meine Pulsfrequenz waren. Am Ende erscheint dann immer das eine erlösende Wort: „Spitzentraining!“. Das ist natürlich eine schöne Art von Selbstbetrug, denn jedes Training, auch wenn es nur 10 Sekunden waren, wird am Ende mit dem Prädikat „Spitzentraining“ ausgezeichnet. Und dennoch ist es jedes Mal ein gutes Gefühl, wenn die Maschine sagt: „Das hast du toll gemacht.“ Es motiviert dazu, sich beim nächsten Mal wieder genauso oder noch mehr anzustrengen. Viele Menschen tragen heute solche elektronischen Messinstrumente als wichtige Instanzen mit sich herum: Uhren, die deine Schritte und deinen Puls messen und dir am Ende des Tages sagen: Super, du hast heute 10.000 Schritte gemacht. Oder: Das war heute noch nicht genug, du musst dich noch etwas bewegen. Und schon bist du ein Gefangener deiner Ziele, die dir von einem Gerät an deinem Arm vorgegeben werden, das auch noch vernetzt ist mit deinem PC zu Hause oder womöglich mit deiner Krankenkasse, bei der deine Daten aufgezeichnet werden.

 

Für Martin Luther war die letztgültige Instanz seines Lebens immer Gott. Seine Frage war nicht die, wie viele Kalorien er verbrauchen und wie viele Schritte er machen sollte, sondern: Was will Gott von mir? Seine Selbstdeutung war demnach religiös bestimmt und bestand in der Frage nach der Anerkennung seines Lebens bei und durch Gott. Das bahnbrechende Ereignis, das als reformatorische Erkenntnis in die Geschichte eingegangen ist, besteht in einer grundlegenden Neudefinition dieser religiösen Selbstdeutung. Während es zuvor immer geheißen hatte, um Gott zu gefallen und Gottes Willen zu erfüllen, musst du das und das tun: Beten, Fasten, gute Werke, erkennt Luther: Du brauchst nichts zu tun, um Gott zu gefallen. Vielmehr hat Gott dich und dein Leben längst anerkannt, mit Luther gesprochen: dich schon längst gerecht gesprochen. Das zu erkennen und anzunehmen nennt Luther Glaube: „So sehen wir, dass ein Christenmensch am Glauben genug hat. Er bedarf keines Werks mehr, dass er fromm sei. Bedarf er denn keines Werks mehr, so ist er gewisslich von allen Geboten und Gesetzen entbunden. Ist er von ihnen entbunden, so ist er gewisslich frei.“

 

Das ist ungefähr so, als ob Thomas, der Trainer im Fitness-Studio, gleich zu Beginn zu mir sagen würde: „Super, dass du da bist. Egal, was du heute machst, wie viele Kalorien du verbrauchst und welche Schrittfrequenz zu schaffst, ich finde es einfach nur toll, dass du überhaupt gekommen bist.“ Dann könnte man auch gleich wieder nach Hause gehen, ohne sich schlecht zu fühlen.

 

Da kommt der zweite Teil der lutherischen Freiheitsschrift ins Spiel, nämlich warum ein Christenmensch doch ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan sei. Die Freiheit gilt nämlich für den inneren Menschen, die Seele, die Knechtschaft gilt hingegen für den äußeren Menschen, den Leib. Denn der ist noch immer, wie Luther sagt, der Sünde unterworfen und muss, um auch die Seele mit seiner Trägheit nicht zu gefährden, zum Beten und Fasten und – weil man ja nicht allein ist auf Erde – zu guten Werken angehalten werden. Nicht um Gott gnädig zu stimmen, tue ich gute Werke, sondern weil Gott mich schon ohne gute Werke anerkannt hat, bin ich motiviert, gute Werke zu tun. Denn es ist doch auch so: Wenn Thomas sich schon freut, dass ich ins Fitness-Studio gekommen bin, habe ich doch auch viel mehr Lust mich anzustrengen, nicht weil ich mich vor ihm rechtfertigen müsste, sondern weil es dann einfach mehr Spaß macht. Das ist christliche Freiheit, wenn es schon, bevor du überhaupt losgelegt hast, heißt: „Spitzentraining!“

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Daniel Forchheim (Freitag, 30 Oktober 2020 15:05)

    Danke, Friedemann! Das ist ein richtig schöner Artikel, der mich mit dem "alten Adam" aus dem Luther-Katechismus versöhnt . Bestimmt hast du ihn nicht geschrieben, weil du denkst, du musst das tun, damit irgendwer dich anerkennt, sondern aus purer Freude, deine Gedanken mitzuteilen. Zumindest kommt es bei mir so an. Danke für dein Sein!

  • #2

    Silke Klar (Samstag, 31 Oktober 2020 13:10)

    Ein moderner Vergleich, die mir richtig gut gefällt! Danke!