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Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei

Gerade jetzt in den Zeiten der Pandemie ist deutlich geworden, wie schwer es für die meisten Menschen ist, allein zu sein. Nicht nur, aber besonders ältere Menschen leiden darunter. Wie sehr sehnen wir uns nach einer körperlichen Berührung - und sei es nur ein Händedruck.

Foto: F. Neuhaus

Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Gen (1. Mose) 2,18

 

 

Die Bibel enthält in ihren ersten beiden Kapiteln zwei verschiedene Schöpfungsgeschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Erzählern an verschiedenen Orten verfasst worden sind. Das wird unterem deutlich an der Erschaffung des Menschen. Während im ersten Kapitel (Gen 1) der Mensch als Abbild Gottes gleichzeitig als Mann und Frau am Ende des gesamten Schöpfungswerkes geschaffen wird, steht in Gen 2 die Erschaffung eines einzelnen Menschen aus dem Staub der Erde ganz am Anfang. Erst dann legt Gott einen Garten an und setzt den Menschen hinein, damit er ihn „bebaute und bewahrte“ (Gen 2,15). Und erst jetzt fällt Gott auf, dass es nicht gut ist, wenn der Mensch allein ist. Um aber auch hier die herausragende Stellung des Menschen in der Schöpfung zu demonstrieren, lässt der Erzähler Gott erst einen Umweg machen: Er erschafft zunächst die Tiere, denen der Mensch zwar Namen gibt, die ihm aber nicht entsprechen. Welch innige Beziehung zwischen Mensch 1 und Mensch 2 bestehen soll, wird dann durch die berühmte Rippe deutlich gemacht: Gott lässt den Menschen in einen tiefen Schlaf fallen, entnimmt ihm eine Rippe und formt daraus eine Frau. Erst durch diesen Akt wird der bisher geschlechtlich nicht definierte erste Mensch zum Mann.

 

 

 

Schon in der Bibel selbst ist dieser Vorgang als Beleg für die Unterordnung der Frau unter den Mann missverstanden worden. „Einer Frau gestatte ich nicht“, so heißt es in einem Brief im Neuen Testament, „dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann herrsche, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva.“ (1. Tim 2,12-13). Damit wurde die schon jahrhundertelang bestehende Unterdrückung der Frau offiziell sanktioniert und für weitere 2000 Jahre festgeschrieben. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich zumindest juristisch die Erkenntnis durch, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind – und zwar nicht im Einverständnis mit der Kirche, sondern oftmals gegen ihren Willen. Dass die katholische Kirche, obwohl ein großer Teil der ehrenamtlichen Arbeit von Frauen getragen wird, noch immer eine von Männer beherrschte, streng hierarchisch strukturierte Kirche ist, ist bekannt und wird auch von vielen katholischen Christinnen und Christen beklagt. Aber auch in der evangelischen Kirche wurde den Frauen erst nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem aufgrund eines eklatanten Pfarrermangels, der Zugang zum Pfarramt geöffnet. 

 

 

 

Dabei zeigt die herrliche Rippengeschichte gerade nicht die Unterordnung der Frau unter den Mann, sondern ihre Gleichrangigkeit. Der erste Mensch jubiliert, als er den zweiten Menschen zum ersten Mal sieht: „Diese ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ (Gen 2,23) Dieses Wesen entspricht ihm, anders als die Tiere.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Matthias (Freitag, 16 Oktober 2020 16:59)

    Die Geschichte ist von Männern geschrieben. Die Bibel ist von Männern geschrieben. Die Auswirkungen beschreibst du ganz gut und deine Einordnung teile ich.

    Und ich möchte ergänzen: Gott treibt seine Geschichte mit den Menschen ganz besonders mit Frauen voran. Wir haben prägende Frauen im Alten Testamtent (Sarah, Hagar, Rebekka als Frauen der Stammväter, aber auch Judith oder Esther, die für das Volk Israel rettend auftreten, ebenso Deborah).
    Vor allem aber im Neuen Testament sind es die Frauen, denen in den Evangelien eine besondere Rolle zukommt: Maria, seine Mutter. Seine Jüngerinnen und Nachfolgerinnen, Maria aus Magdala als bekannteste, die "Sünderinnen", die er vom Rand der Gesellschaft befreit.
    Und wer bleibt bis zu seinem Tod bei Jesu? Wer begräbt ihn und pflegt ihn? Wer kommt am Ostermorgen zum Grab? Wer sind die ersten Zeuginnen des Auferstandenen? Und wem glauben die Jünger nicht? Es sind die Frauen.

    Entweder beweist Gott Humor bzw. Ironie oder Männer geben sich redlich Mühe, Frauen klein zu schreiben.

    Danke für deinen Beitrag!

  • #2

    Hans-Ulrich (Freitag, 16 Oktober 2020 18:36)

    Gen 2, 24. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seinem Weibe an (und sie werden ein Leib).
    Wobei das mit dem "darum" merkwürdig ist, denn umgekehrt wird viel eher ein Schuh draus.
    Alle Fundamentalisten überlesen ihn und handeln nach der Tradition.