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Und machet sie euch untertan

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über alles Getier, das auf Erden kriecht. 1. Mose (Genesis) 1,28

 

Im Jahr 1960 veröffentlichte der Theologe Gunther Backhaus in der Reihe „Theologische Existenz heute“ unter der Überschrift „Und machet sie euch untertan“ einen Aufsatz, der einem heute den Atem stocken lässt. Zugegeben sind es 60 Jahre her, aber dennoch erscheint das, was Backhaus sagt, Lichtjahre entfernt zu sein von dem, wie heute in Zeiten einer globaler Umwelt- und Klimakrise von der Schöpfung und der Rolle des Menschen darin gesprochen wird.

 

Backhaus behauptet nämlich, dass die Bibel mit diesem Auftrag Gottes an den Menschen, sich die Erde untertan zu machen und über alle anderen Geschöpfe zu herrschen, ein „Wegbereiter der Technik“ gewesen sei. Es sei eine „verhängnisvolle Erscheinung“ gewesen, dass die Kirche dies jahrhundertelang nicht erkannt und den technischen Fortschritt kritisch betrachtet oder sogar behindert habe. Während sich der Mensch in den fernöstlichen Religionen und Philosophien als Teil der Schöpfung verstanden habe und mit ihr in Einklang zu leben versuche, sei der Mensch nach christlichem Verständnis der Natur gegenübergestellt, um sie zu gestalten und für sich zu nutzen. Denn: „Nach diesem Menschenbild ist es geradezu Aufgabe für Mann und Frau, ihre Umwelt zu verändern (Hervorhebung im Original)“.

    

Nur wenige Jahre später flog diese technik- und fortschrittbegeisterte Sicht dem Verfasser und dem gesamten Christentum wie ein Bumerang um die Ohren. Kurz nach Erscheinen des berühmten Berichts über die „Grenzen des Wachstums“ (1972) veröffentlichte nämlich der Schriftsteller und Umweltaktivist Carl Amery eine vielbeachtete Anklageschrift mit dem Titel „Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums“ (1972), in dem er sich ausdrücklich auf den genannten Vers in Gen 1,28 bezog: „Und machet sie euch untertan.“

 

Ja, wir stehen heute erschrocken vor den Folgen unseres Fortschrittsdenkens und unseres Strebens nach immer mehr Wohlstand und immer größerem Wachstum. Und wenn man solche Aufsätze wie den von Backhaus liest, kann man sich schon fragen, welchen Anteil der christliche Glaube an der Zerstörung der Schöpfung hat. Aber so wie es viel zu einfach ist, die Bibel als Wegbereiter der Technik zu begreifen, so ist es ebenfalls viel zu einfach die gesamte Klimakatastrophe dem Christentum bzw. der Bibel in die Schuhe zu schieben. In Gen 1 wird der Mensch als „Bild Gottes“ geschaffen, ein „Bild, das uns [also Gott] gleich sei“. Die Theologie erklärt diesen Ausdruck damit, dass der Mensch als Stellvertreter Gottes auf der Erde walten solle. In der altorientalischen Königsideologie wurde nämlich der König als ein Abbild Gottes verstanden. Nach der Bibel sind somit alle Menschen Könige (und das gilt für Männer und Frauen!). Wenn Gott nun diese Erde geschaffen und uns als seine Sachwalter einsetzt, kann das doch nur heißen, dass wir sorgsam mit ihr umgehen sollen, denn sie ist nicht unser Eigentum. So wie eine gute Königin ihr Land und ihre Untertanen nicht ausbeutet, sondern sich um das Wohlergehen aller kümmert, so soll der Mensch auch über Tiere und Pflanzen herrschen – zu seinem Nutzen zwar, aber nicht, um sie zu zerstören.

 

Manchmal, wenn wieder einmal Brandkatastrophen, Wirbelstürme, Hochwasser oder Dürren die Menschheit heimsuchen, beschleicht einen da nicht der Verdacht, dass die Natur uns alles heimzahlt, was wir ihr angetan haben?

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Matthias Walter (Freitag, 02 Oktober 2020 09:51)

    Danke für diese Erinnerung!
    Schon die Urgeschichte guckt ja ambivalent auf die Entwicklung menschlicher Techniken. Weinbau schafft leckeren Wein, der kann aber auch betrunken machen und zur Störung menschlicher Beziehungen führen (Gen 9,20ff), und die beeindruckende Fähigkeit, einen Turm zu bauen (Gen 11), vielleicht überhaupt große Städte, führt zur Entfremdung voneinander und von Gott (schreibe ich aus Berlin ...).

  • #2

    Ruth Klinkert (Samstag, 03 Oktober 2020 23:15)

    Danke für diese Worte. Ich werde einiges in meine Predigt zum Erntedank übernehmen wenn ich darf.

  • #3

    Friedemann (Sonntag, 04 Oktober 2020 15:16)

    Gerne, Ruth, das ist auch eine Form der Anerkennung.