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Ich muss heute in deinem Haus einkehren

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. (Lukas 19,5)

 

 

Zachäus ist ein körperlich kleiner Mann.  Aber beruflich hat er es geschafft. Er ist nämlich nicht irgendein kleiner Zöllner auf einem verlorenen Posten, sondern ein regelrechter Zollunternehmer (Luther übersetzt: „ein Oberer der Zöllner“). Solche Zollunternehmer verpachteten Zollstationen an den Stadttoren an die einfachen Zöllner und erhielten dafür ein entsprechendes Entgelt. Ihrerseits mussten sie für jede Zollstation eine festgelegte Summe an die römische Besatzungsmacht abliefern. Da der Zoll auf Waren erhoben wurde, die in der Stadt verkauft werden sollten, kann man von einer Art Umsatzsteuer sprechen, die von den Besatzern eingefordert wurde. Der Verdienst der Zöllner bestand in dem, was sie über die von den Römern festgelegte Summe hinaus einnahmen. Es kann daher nicht verwundern, dass sie stets versuchten, von den Bauern und Händlern, die ihre Ware in der Stadt zum Verkauf anboten, eine möglichst große Summe zu verlangen, um bald in die Gewinnzone zu kommen. Betrug, Korruption und Erpressung waren deshalb bei den Zöllnern an der Tagesordnung. In der Geschichte gibt Zachäus dies unumwunden zu: „Wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ (Lk 19,8)

 

Zachäus war also schon allein deshalb aus Sicht vieler Juden ein fieses A…loch. Noch schlimmer war der Umstand, dass er mit den Besatzern zusammenarbeitete und damit aus religiöser Sicht mit unreinen Personen Kontakt hatte. Einen Zöllner zu besuchen, war deshalb – wie man heute sagen würde – ein „No-go“, das ging gar nicht. Im Kapitel zuvor erzählt Jesus von einem Pharisäer, also einem besonders frommen Mann, wie er im Tempel betet: "Ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Zöllner." (Lk 18,11)

 

Umso erstaunlicher ist es, dass Jesus zu Zachäus, der – um Jesus überhaupt sehen zu können – auf einen Baum gestiegen ist, sagt: „Ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Ich muss, nicht: ich will. Vielleicht ahnt Jesus, dass dieser Tag die einzige Chance ist, die Zachäus hat, um aus einem Leben auszubrechen, das aufgebaut ist auf Betrug und Korruption. Zachäus selbst scheint sich ja danach gesehnt zu haben, denn sonst hätte er nicht so viel Energie aufgebracht, um Jesus zu sehen.

 

Bei wie vielen fiesen A...löchern in dieser Welt müsste Jesus eigentlich heute einkehren, um ihnen einen Weg aus ihrem verbrecherischen Lebensstil zu zeigen! Bei den Fleischfabrikanten, die mit Dumpingpreisen die Konkurrenz in die Knie zwingen und dabei weder auf das Tierwohl noch auf das ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter achten, den Immobilienhaien, die auf immer höhere Rendite spekulieren und die Mieterinnen und Mieter aus ihren Wohnungen drängen. Und hätte er nicht einmal in New York vorbeischauen können? „Donald, steig herab von deinem TrumpTower, heute muss ich in deinem Herzen einkehren.“

 

Ich frage mich auch, was Jesus und Zachäus eigentlich besprochen haben, damit dieser radikale Sinneswandel eintreten konnte. Vielleicht war Jesus nur der Spiegel, in den Zachäus am Ende nicht mehr schauen mochte. Und das ist wohl auch der Spiegel, den uns Menschen aus den armen Regionen der Welt oder die nachfolgenden Generationen vorhalten, weil wir mit unserem Lebensstil ihre Lebensgrundlagen vernichten. Wie viel Zachäus steckt in mir? Wie viel Zachäus steckt in dir?
 

Beim Männergottesdienst am 13. September um 11.00 Uhr in der Matthäuskirche Osnabrück wollen wir dieser Geschichte und diesen Fragen nachgehen.

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