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Leben, als ob es Gott nicht gäbe

Verschiedene Rückmeldungen auf meinen letzten Blogbeitrag veranlassen mich zu einem eigentlichen nicht geplanten weiteren Beitrag außer der Reihe. Es ist die Frage nach dem Warum? Warum hat Gott es zugelassen? Warum hat er es nicht verhindert?

 

Bei der ersten, relativ spontanen Trauerandacht in der Katharinenkirche machte Pastor Otto Weymann deutlich, dass auch die Kirche darauf keine Antwort hat. Leid geschieht, ob wir es wollen oder nicht. Das war schon zu allen Zeiten so. Doch während man früher die Ursache des Leides bei Gott (als Strafe für unsere Sünden) oder auch bei seinem Gegenspieler, dem Teufel (um uns in Versuchung zu führen), suchte, bleibt die Kirche heute meist stumm. Denn es kann keine Antwort auf die Frage geben. Christines Tod ist und bleibt ohne Sinn. Selbst wenn die Stadt Osnabrück jetzt die Verkehrsführung ändern und Radfahren sicherer machen würde, bliebe das Unglück unfassbar, unfassbar traurig für ihre Familie und vor allem ihren beiden Söhne unfassbar sinnlos. Warum also hat Gott es zugelassen?

 

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat dazu in einem seiner Briefe an seinen Freund Eberhard Bethge geschrieben, dass wir, wenn wir erwachsen glauben wollten, so leben müssten, als ob es Gott nicht gäbe. Wir dürften uns Gott nicht mehr vorstellen als einen „deus ex machina“, also einen Gott, der im letzten Moment eingreift und unsere Geschicke zum Guten lenkt. Die von vielen ersehnte Rückkehr zum Glauben unserer Kindheit oder der „salto mortale zurück ins Mittelalter“ sei den Menschen heute verwehrt, wenn sie intellektuell redlich bleiben wollten.

 

Wo ist nach Bonhoeffer Gott dann überhaupt noch erfahrbar? Bonhoeffers Antwort ist ebenso einfach wie radikal: „Unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im ‚Dasein-für andere‘, in der Teilnahme am Sein Jesu“. Oder anders ausgedrückt: Indem du für andere Menschen da bist, so wie Jesus für andere da war und sein Leben für sie gegeben hat, kannst du Gott erfahren. Diese Erfahrung scheinen viele Menschen zu machen, die sich für andere Menschen engagieren, viel Zeit und Kraft investieren: dass sie genau daraus Kraft und Mut schöpfen und ihr Leben als sinnvoll erfahren, ob sie nun an Gott glauben oder nicht. Das ist nach Bonhoeffer wahre Transzendenzerfahrung.

 

Die Frage nach dem Warum ist dadurch nicht beantwortet. Es gibt einfach keine.

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Johanna Forchheim (Montag, 24 August 2020 16:48)

    Diese Erklärung nach dem: „Warum?“ ist damit auf den Punkt gebracht. Es gibt keine Erklärung, wir können nur versuchen zu handeln und Leid zu lindern.

  • #2

    Ulla Neuhaus (Montag, 24 August 2020 17:10)

    Danke Friedemann für Deine Ergänzung, Deine Worte tun gut und geben wie sooft neue Denkanstöße über den Glauben nachzudenken.

  • #3

    Daniel Forchheim (Donnerstag, 27 August 2020 10:32)

    Danke für deine Gedanken zu dem Thema. Was ist, wenn du das "Warum?" durch "Wozu?" ersetzt und dich dann fragst "Was ist der nächste Schritt auf Gottes Weg", mit dem Wissen, dass du selbst ein Werk(zeug) Gottes bist?

  • #4

    Ingrid von Satzwedell (Mittwoch, 02 September 2020 10:27)

    Danke, lieber Friedemann, für Deine klare Stellungnahme zur Frage "Warum?" und großartig finde ich die ergänzenden Worte dazu von Daniel Forchheim, danke!

  • #5

    Friedemann (Mittwoch, 02 September 2020 11:25)

    Ja, die Frage nach dem „Wozu“. Wozu kann es dienen? Was kann mein Beitrag dazu sein? Heute ist in der Neuen Osnabrücker Zeitung zu lesen, dass die Stadt Osnabrück den Verkehr auf dem Ring grundsätzlich neu ordnen und das Radfahren sicherer machen will. Mit einem eindeutigen Verweis auf die letzten tödlichen Unfälle. Dann würde aus dem Schlimmen doch noch etwas Gutes erwachsen. Aber unfassbar bleibt das Leid dennoch.
    Aber: danke für deinen Beitrag, Daniel.

  • #6

    Ingrid (Mittwoch, 09 September 2020 10:05)

    Übrigens: Ich bin nicht ganz damit einverstanden, dass Gott nur noch erfahrbar ist, wenn ich " erwachsen" glauben will und also Gott nur noch darin finde, wenn ich Jesu Leben nachzueifern versuche, indem ich für andere da bin. Das natürlich sehr. Aber wie viele von uns spüren doch im täglichen Leben Gottes Nähe auch ohne unser Wirken für andere! Will sagen: Gott ist da und mir nah, wenn ich wieder und wieder erlebe, auf welch wunderbare Weise Gott zu meinem Besten etwas gefügt hat, immer wieder! ( Oft auch schmerzhaft, aber wunderbar.)