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Sie sind allesamt Sünder

Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten (Röm 3,23).

 

Es ist bemerkenswert, dass der Begriff der Sünde nicht mehr gern verwendet wird, auch nicht in der Kirche. Von manchen Christinnen und Christen wird er sogar vehement abgelehnt, weil er ein vorwiegend negatives Menschenbild transportiere. Wenn nun noch der Begriff der „Sühne“ oder gar des Sühnopfers ins Spiel gebracht wird, wie Paulus es wenige Zeilen weiter sagt: „Den (Christus) hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut“, dann geht bei vielen erst recht die Klappe runter. Nein, mit solch blutigen Vorstellungen von Sünde und Sühne wollen sie nichts zu tun haben. Gott kann doch Schuld auch ohne Sühne vergeben! Kann er bestimmt, aber wollen wir das überhaupt?

 

Am 7. Juli 2020 ist eine auch von mir sehr geschätzte Kollegin bei einem Verkehrsunfall im Alter von 49 Jahren ums Leben gekommen. Vieles von dem, was über den Unfalltod von Christine gesagt und geschrieben wurde, hatte immer auch mit der Frage zu tun, wer ist schuld? Zuerst hieß es, Christine selbst sei schuld gewesen, der LKW-Fahrer hätte sie auf jeden Fall erwischt, selbst wenn er nach links abgebogen wäre, wie er es hätte tun müssen, da er sich auf der Linksabbiegerspur befunden hatte. Christine sei - so die Polizei nach ersten Zeugenbefragungen - bei rot und zudem in der falschen Richtung über die Kreuzung gefahren. Später wurde mithilfe der Dash-Cam des Fahrers aber klar, dass Christine mitnichten die Kreuzung bei rot überquert, sondern schlicht neben dem LKW gestanden hatte.Der LKW-Fahrer wechselte regelwidrig die Spur und fuhr die Radfahrerin einfach um. Sie hatte keine Chance. Dennoch befestigte irgendein Schlaumeier an dem weißen Ghostbike, das Aktivisten für Christine am Unfallort aufgestellt haben, ein Schild mit der geschmacklosen Aufschrift: „Selber schuld“. 

 

Nun, da sich herausgestellt hat, dass allein der LKW-Fahrer mit seinem unerlaubten Spurwechsel Christines Tod verursacht hat, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit der Schuld umso dringlicher. Er wird sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten müssen. Kann man eine solche Schuld sühnen? Kann man sie vergeben? Der LKW-Fahrer ist und bleibt ein Mensch, auch er hat ein Recht auf ein faires Verfahren und vor allem auf einen fairen Umgang. Bei den Kommentaren in den sogenannten „sozialen Medien“ wurde hingegen deutlich, dass es offenbar ein großes menschliches Bedürfnis nach Sühne, nach Vergeltung, vielleicht sogar Rache gibt, auch wenn dadurch kein Toter wieder lebendig wird. 

 

Deswegen kann das theologische Konzept, wonach Vergebung ohne Sühne (und damit ohne Sühnopfertod Jesu) möglich ist, vielleicht auch nicht vollständig überzeugen. Es gibt Taten, die scheinen geradezu nach Vergeltung, Sühne, Rache, zumindest aber Strafe zu schreien. Warum erscheint es hier nicht möglich einfach zu sagen, jeder Mensch macht Fehler, niemand ist vollkommen („Sie sind allesamt Sünder“), Schwamm drüber? Weil das Unfallgeschehen so monströs und die Folgen so hart und ungerecht sind: Der schwere Laster gegen die zarte Christine, die zudem letztes Jahr bereits ihren geliebten Mann verloren hatte und nun zwei minderjährige Jungen hinterließ. Deswegen möchten wir, dass der LKW-Fahrer nicht ungeschoren davonkommt.

 

So ist es am Ende vielleicht gar nicht Gott, der die Sühne verlangt, um vergeben zu können, sondern der Mensch selbst. Um aber glauben zu können, dass Gott auch uns, die wir „allesamt Sünder“ sind, wirklich vergibt, hätte Gott seinen Sohn „für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut“.

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Kommentare: 4
  • #1

    Michael (Sonntag, 23 August 2020 10:28)

    Das war für mich ein sehr bewegender Blog.

  • #2

    Ruth (Sonntag, 23 August 2020 22:21)

    Vielen Dank für diese bewegende Worte.
    Worte, die zum Nachdenken auffordern.

  • #3

    Ingrid (Sonntag, 30 August 2020 12:29)

    Kannst Du, lieber Friedemann, den letzten Satz:" Um aber glauben zu können, dass Gott auch uns, die wir " allesamt Sünder" sind, wirklich vergibt, hätte Gott seinen Sohn " für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut" " erklären, bitte? Ich verstehr ihn nicht. ( den letzten Satzteil vertehe ich nicht.
    Herzlichen Dank im Voraus!

  • #4

    Friedemann (Samstag, 05 September 2020 12:11)

    Das ist in der Tat nicht ganz leicht zu verstehen, vor allem weil ich den letzten Satz im Konjunktiv geschrieben habe. Damit will ich meine eigene Unsicherheit zum Ausdruck bringen, ob das wirklich so unumstößlich ist, ob das wirklich so feststeht. In Glaubensdingen und bei Übersetzungen sind ja verschiedene Interpretationen möglich. Mein Ansatz ist der: Woher sollen wir Menschen, für die Sühne und Strafe im Sinne der Gerechtigkeit wichtig zu sein scheinen, denn wissen, dass Gott uns unsere Schuld vergibt, ohne uns zu bestrafen? Und um das ein für allemal klarzustellen, könnte Gott eben seinen Sohn als stellvertretendes Opfer (zur Sühne in seinem Blut) hingegeben haben. Nicht um seinen Rachedurst zu stillen, sondern um unser Bedürfnis nach Sühne zu befriedigen. So wird denn auch das Wort von Paulus verständlich: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“ (2. Kor. 5,20)