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Wer hat, dem wird gegeben - das Matthäusprinzip

Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen werden. (Mt 25,29)

 

 

 

In der Pädagogik gibt es in Anlehnung an diesen Vers den feststehenden Begriff des „Matthäusprinzips“. Damit wird das Phänomen bezeichnet, dass diejenigen, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft und ihrer naturgegebenen Talente von Anfang an im Vorteil gegenüber anderen sind, sich häufig mehr anstrengen, zielstrebiger lernen und ehrgeiziger um Noten ringen, als diejenigen, die ohnehin schon benachteiligt sind. Schülerinnen, die 13 Punkte (noch „sehr gut“) im Zeugnis erhalten sollen, fragen oftmals kritischer nach, warum sie keine 14 oder gar 15 Punkte haben können, als Schüler, die es gerade so über die 05-Punkte-Marke geschafft haben. Mein Klavierspiel ist ein guter Beleg für das Matthäusprinzip. Sehr viel natürliches Talent bringe ich nicht mit, ich bin im Gegenteil immer wieder neidisch auf Leute wie unseren Chorleiter Kai, der sich ans Klavier setzen und offenbar ohne Mühe die schönste Musik daraus hervorzaubern kann. Und weil ich so wenig Talent habe, übe ich auch nicht viel, und dann wird es mühsamer und mühsamer, bis ein Stück sich einigermaßen hörbar anfühlt.

 

In dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Mt 25,14-30) geht es von Anfang an ungerecht zu. Der reiche Herr vergibt die Talente Silber (eine ursprünglich babylonische, nicht einheitlich gebrauchte Gewichtseinheit, Luther übersetzt: Zentner) je nach Tüchtigkeit sehr unterschiedlich: der erste Knecht erhält fünf, der zweite zwei und der dritte nur ein Talent. Der erste macht aus den fünf Talenten zehn, der zweite aus seinen beiden vier; aber der dritte vergräbt sein Talent und gibt es dem Herrn nach seiner Rückkehr mit den Worten wieder: „Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.“ Und dann geschieht das, woran Pädagogen und Politikerinnen, die für Bildungsgerechtigkeit kämpfen, Anstoß nehmen müssen: Diesem Knecht wird auch das letzte Talent genommen und dem gegeben, der schon zehn hat. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!

 

In der Corona-Krise ist diese Bildungsungerechtigkeit noch einmal besonders krass deutlich geworden. Diejenigen, die zu Hause von ihren Eltern Unterstützung erhielten und das notwendige Equipment für den Online-Unterricht zur Verfügung hatten, waren klar im Vorteil gegenüber denjenigen, deren Eltern keine Zeit und keine Geduld aufbringen konnten bzw. denen keine Computer, Internetzugänge und Drucker zur Verfügung standen. Da ich zu der Zeit sowohl am Gymnasium als auch an der Hauptschule tätig war, konnte ich dies in der Praxis konkret erleben.

 

Das „Matthäusprinzip“ kann keine Entschuldigung dafür sein, daran nichts zu ändern wollen. Aber im konkreten Detail wird doch deutlich, welche positiven Schlüsse man daraus ziehen könnte. Denn da, wo auch die Leistungsschwächeren sich bemüht haben, ihre Aufgaben zu erledigen und ihre Arbeitsblätter einzureichen, und (hoffentlich!) eine positive Rückmeldung erhalten haben, ist die Motivation auch in dieser schwierigen Zeit deutlich erkennbar gewesen. Kolleginnen und Kollegen der Hauptschule sagen, dass selbst einige ihrer Schülerinnen und Schüler von Fernunterricht und reduziertem Präsenzunterricht profitiert hätten.

 

Auch an meinem Klavierspiel kann man das sehen: Meine langjährige Klavierlehrerin Lena hat es geschafft, mir das Gefühl zu geben, mein Klavierspiel sei hörenswert. So hörenswert, dass ich mich im Januar nach zehn Jahren Unterricht bei ihr getraut habe, für einige Freundinnen und Freunde ein kleines Hauskonzert zu geben. Es war nicht perfekt, aber es hat Freude bereitet. Es war in Sachen Klavier nur das eine Talent, das ich hatte, aber Lena hat nicht zugelassen, dass ich es vergrabe, sondern etwas daraus mache. Dieser Text ist deshalb auch noch einmal ein herzliches Dankeschön an sie. Das Matthäusprinzip in der Bildung kann nämlich auch bedeuten, dass sich jemand über einen Notendurchschnitt im Abitur von 3,4 mehr freut als ein anderer mit 1,6.

 

Um es mit Jesus zu sagen: Zeig deine Talente und setze sie ein, was auch immer du für Talente hast. Und sei es das Talent zuzuhören und anderen mit deiner Gegenwart Hilfe und Unterstützung zu sein. Das ist nicht wenig.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ingrid von Saltzwedel (Sonntag, 30 August 2020 11:24)

    Hallo Friedemann,
    Gut, dass Du gerade diesen Text auswähltest, der uns gemeinhin als so himmelschreiend ungerecht erscheint, und dass ausgerechnet erzähllt von Jesus Christus, dem Heiland. um so interessanter fand ich Deinen Gedanken, dass dieses Gleichnis uns dazu auffordern kann, denen mit dem wenigen Talent zu helfen und ihn davor zu bewahren, sein Talent womöglich zu vergraben. ( Siehe Deine Lehrerin Lena, die Dir so aufmunternd zugesprochen hat.)
    Lieben Gruß Ingrid