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Einige aber zweifelten

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. (Mt 28,16-17)

 

 

 

Der Schriftsteller und Fotograf Ulrich Schaffer, der aus seiner Freikirche wegen „Irrlehre“ ausgeschlossen wurde und dessen erster Verlag ihm aus demselben Grund kündigte, hat 1988 ein kleines Manifest mit dem Titel „Grundrechte“ veröffentlicht. Dieses Buch ist mir seit Beginn meines Theologiestudiums wichtig. Eines dieser Grundrechte lautet: „Du hast das Recht zu glauben, was du glauben kannst.“

 

Das ist wichtig, wenn man über Ostern nachdenkt. Denn noch immer wird oftmals „wahres“ Christsein davon abhängig gemacht, ob man an die leibliche Auferstehung Jesu glaubt oder nicht, so als sei dies ein historisch unbestreitbares Ereignis. Um es gleich zu sagen: Ich glaube nicht, dass Jesus leibhaftig von den Toten auferstanden ist. Die Ostererzählungen sind dafür zu wenig eindeutig und weisen selbst in eine andere Richtung: Die Emmausjünger erkennen Jesus erst, als er das Brot bricht, und in demselben Augenblick ist er verschwunden (Lk 24,31). Maria von Magdala hält Jesus zunächst für den Gärtner und erkennt ihn erst, als er sie mit Namen anspricht. Berühren darf sie Jesus aber nicht (Joh 20,14-17). Das Markusevangelium endet in seiner ursprünglichen Fassung ganz ohne Begegnung mit dem Auferstanden, sondern mit Furcht und Entsetzen der Frauen (Mk 16,8). Und auch Matthäus, der zwar detailverliebt über die Bewachung des Grabes berichtet, weiß nur sehr vage von der Begegnung Jesu mit den Frauen zu berichten. Demzufolge befiehlt Jesus seinen Jüngern nach Galiläa kommen, wo er ihnen schließlich auch erscheint. Aber selbst da auf dem Berg in Galiläa gibt es unter den Jüngern einige, die zweifeln. Der Zweifel ist offenbar der Zwillingsbruder des Glaubens.

 

Jesus lebt. Das ist die Botschaft von Ostern. Jesus lebt da, wo wir uns in seinem Namen versammeln (Mt 18,20), wo wir das Brot teilen wie Jesus mit den Emmausjüngern, wo wir Menschen mit ihrem Namen ansprechen, d.h. sie erkennen in ihrer ganzen Persönlichkeit und vielleicht auch Verletzlichkeit, so wie Jesus bei Maria von Magdala.

 

In diesem Jahr bleiben an Ostern die Kirchen leer. Wir können uns nicht in seinem Namen versammeln und schon gar kein Abendmahl miteinander feiern. Selbst der Papst feiert dieses Jahr nahezu allein. Aber in diesem Jahr sind Menschen auch auf vielfältige Weise kreativ geworden, um miteinander zu kommunizieren und ihren Glauben zu teilen. Es wurden Videoandachten ins Netz gestellt oder in Textform hochgeladen, Telefonbotschaften eingesprochen, Internetkonzerte veröffentlicht. Es wurde viel mehr telefoniert als sonst. Menschen haben zu Tausenden ihre Hilfe angeboten, es waren so viele, dass z.B. bei der Freiwilligenagentur Osnabrück gar nicht alle zum Zuge kamen. Es wurden Steine mit einem Fisch bemalt und Freunden oder Nachbarinnen vor die Haustür gelegt. In dem kleinen Waldstück am Sandbach wurde mit einem einfachen Holzkreuz eine temporäre Waldkapelle eingerichtet, an der man kurz verweilen kann, und vieles mehr. Wer wollte da noch bezweifeln, dass Jesus auferstanden ist?

Frohe Ostern!