· 

Bin ich's?

Und als sie aßen, sprach er: „Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.“ Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: „Herr, bin ich’s?“ (Mt 26,21-22)

 

 

 

Als ich das erste Mal die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach in einem Konzert gehört habe, traf mich diese Stell wie ein Hammer. Die Matthäuspassion ist ein Oratorium für zwei vierstimmige Chöre. An dieser Stelle singt Chor 1 wie im Evangelium: „Bin ich’s?“, aber zeitgleich antwortet Chor 2 praktisch spiegelbildlich: „Ich bin’s“. Diese Stelle ist nicht nur musikalisch, sondern auch theologisch eine Meisterleistung. Denn Bach bezieht die Menschen der Gegenwart in das Geschehen ein, die hier vor Augen geführt bekommen, dass auch sie sich mit Chor 1 die Frage stellen müssen: „Bin ich’s?“ Und die sich dann mit Chor 2 die Antwort gleich selbst geben: „Ich bin’s. Auch ich hätte Jesus verraten, so wie alle seine Jünger“. Ja, es war einer, Judas nämlich, der Jesus an die Hohenpriester ausgeliefert hat; aber verlassen haben sie ihn alle, einschließlich von Petrus, dem Großsprecher: „Wenn sich alle an dir ärgern, so will ich doch mich niemals ärgern.“ (Mt 26,33). Auch er knickt später ein und behauptet: „Ich kenne den Menschen nicht.“ (Mt 26,74). Matthäus berichtet, dass allein die Frauen, die Jesus aus Galiläa gefolgt waren, von ferne der Kreuzigung zusahen (Mt 27,55).

 

Die Stelle traf mich damals wie ein Hammer, da ich spürte, hier geht es ums Ganze, um meine Existenz, um meine Haltung: Hätte auch ich Jesus verraten? Was heißt das überhaupt heute: Jesus verraten, ihn im Stich lassen? Nicht standzuhalten, wenn es darauf ankommt? So wie die Jünger sich ja nicht sicher waren, sondern sich mit bangem Herzen fragten: Könnte ich der eine sein, der Jesus verraten würde, so kann keiner von uns sich selbstgerecht zurücklehnen und sagen: „Ich bin nicht so ein Wackelkandidat, so ein Feigling, der bei dem geringsten Widerstand nachgibt.“ Welche Antwort würde ich bekommen auf meine Frage: „Herr, bin ich’s?“

 

Die Antwort des christlichen Glaubens ist Vergebung. Petrus selbst wurde zu dem Felsen, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte. Nur Judas vertraute nicht mehr auf die Kraft der Vergebung und konnte keinen Frieden finden, stattdessen erhängte er sich (Mt 27,5).

 

Der Wechselgesang aus der Matthäuspassion zwischen Chor 1 (Bin ich’s?) und Chor 2 (Ich bin’s) geht unmittelbar über in den Choralvers. „Ich bin’s, ich sollte büßen / an Händen und an Füßen / gebunden in der Höll.“ Ich sollte, aber ich muss zum Glück nicht. Zum Glück gibt es Vergebung.