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Eine Räuberhöhle

Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: „Es steht geschrieben: ‚Mein Haus soll ein Bethaus sein‘; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus“ (Mt 21,12-13)

 

 

 

Ich muss gestehen, dass ich diese Szene liebe, obwohl Jesus hier alles andere als liebenswürdig und sanftmütig daherkommt, sondern im Gegenteil übellaunig und zornig. Aber diese Entschlossenheit Jesu beeindruckt mich, diese Eindeutigkeit der Tat! Kein vornehmes Abwägen oder Herantasten, nicht einmal eine Vorwarnung. Nein, Jesus wird unmittelbar handgreiflich, weil ihn ein heiliger Zorn ergriffen hat über das, was er dort sieht und hört: Geldwechsler und Händler, die vermutlich noch mit den Gläubigen um den Preis für die Tauben feilschen, die diese im Tempel opfern wollen. Vielleicht haben sich die Händler auch noch gegenseitig mit Angeboten überboten. Was für ein Lärm mag das gewesen sein?

 

Wenn es damals schon die Wochenzeitung „Die Zeit“ gegeben hätte, hätte sie bestimmt einen wohlabgewogenen Artikel über diesen Vorgang veröffentlicht. Einerseits sei es ein wichtiger symbolischer Akt, um deutlich zu machen, dass man das Wesentliche nicht aus dem Blick verlieren dürfe. Andererseits müsse man jedoch auch sehen, dass die Geldwechsler und Taubenhändler ja wichtig seien für die Gläubigen, da sie ihnen ermöglichen, das vorgeschriebene Opfer zu erbringen, und dass sie damit das System Tempel und Priesterdienst am Laufen halten. Sie seien, so hätte die „Die Zeit“ vermutlich argumentiert, somit systemrelevant.

 

Ja, Jesus hat mit seinen Taten und Worten den Tempelkult in Jerusalem herausgefordert und geradezu in Frage gestellt. Dass er sich anmaßt, Sünden vergeben zu dürfen, dass er die „geistlich Armen“ gegenüber den Schriftgelehrten als glücklich preist und dass er hier die Tische und Bänke der Händler und Geldwechsler umstößt und den Tempel als Räuberhöhle bezeichnet. Das können ihm die Priester des Hohen Rats nicht verzeihen und deswegen muss er in ihren Augen sterben. Denn Jesus macht knallhart deutlich, dass sie für die Beziehung zwischen Gott und Mensch nicht systemrelevant sind. Er spricht von Gott als dem „himmlischen Vater“ (Mt 6,26), zu dem man ganz ohne priesterliche Vermittlung beten kann (Mt 6,9-13). Jeder darf sich an Gott wenden, nicht nur die Priester im Tempel, die sich für ihren religiösen Dienst bezahlen lassen.

 

In diesen Tagen des gesellschaftlichen Stillstands wird den Verantwortlichen in unseren Kirchen (also auch mir als Kirchenvorstand) von außen signalisiert, dass sie nicht systemrelevant sind. Wer, so fragen wir uns besorgt, vermisst uns eigentlich? Systemrelevant sind Ärztinnen und Ärzte, Verkäuferinnen, Pfleger oder Erntehelfer, nicht aber die Kirche, oder doch?

 

Die Kirche will für euch alle da sein, das ist jetzt die Botschaft der Stunde. Es werden Andachten und Gottesdienste online gestellt, eine Seelsorge-Hotline eingerichtet, Liturgien für den Gottesdienst am Küchentisch hochgeladen, wie jetzt in der Karwoche in Matthäus und Thomas. Wir wissen, dass wir für unseren Draht zu Gott keine Vermittler brauchen.

Vorgestern ein Anruf bei Rainer C.: Nebenbei stellt sich im Gespräch heraus, dass der Besuchsdienst umgestellt hat auf telefonischen Besuchsdienst und dass nach wie vor alle Geburtstagskinder der Gemeinde über 70 bedacht werden, ganz unabhängig von Kirchenvorstand und Pfarramt. Das ist für mich auch systemrelevant.