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Bist du der da kommen soll?

Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: „Bist du der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,2-3).

 

 

 

Ich kann ihn so gut verstehen, den Johannes. Noch vor wenigen Monaten hat er Jesus am Jordan getauft und dabei miterlebt, wie eine Stimme vom Himmel sagte: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Mt 3,17) Johannes selbst kündigte Jesu Kommen mit den Worten an, er sei es nicht einmal wert, „ihm die Schuhe zu tragen“ (Mt 3,11).

 

Nun sitzt Johannes im Gefängnis, weil er den Mund zu weit aufgerissen und König Herodes wegen des Ehebruchs mit der Frau seines Bruders öffentlich kritisiert hat (Mt 14,3). Er ist enttäuscht von Jesus, denn offenbar hat sich nichts geändert im Land: Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer, es wird noch immer betrogen, gelogen, getötet. Und Johannes schmort im Gefängnis, weil er die Wahrheit gesagt hat.

 

Also: Ich kann Johannes und seine Enttäuschung gut verstehen. Ist Jesus wirklich der Messias, der angekündigte Retter des Volkes Israel oder gar der ganzen Menschheit?

 

Nach den Worten des jüdischen Theologen Schalom Ben-Chorin ist die Antwort auf diese Frage der entscheidende Aspekt, der Christentum und Judentum voneinander trennt: „Nach dem Opfergang von Golgatha haben sich die Strukturen der Welt nicht verändert. Die Völker führen weiter Krieg gegeneinander […]. Krankheit und Sünde, Leiden und Tod haben sich nicht verflüchtigt.“ Das heißt: Die Welt ist nicht erlöst, und die Frage an Jesus bleibt: „Bist du der, der da kommen soll?“

 

Jesus selbst antwortet auf die Frage mit einer Darstellung seines Wirkens: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ (Mt 11,5) Jesus bezieht sich dabei auf ein Wort des Propheten Jesaja, wonach genau dies im Land der Geretteten, im Reich Gottes eintreten wird (Jes 35,5-6). In der Vaterunser-Bitte „Dein Reich komme“ sind nach Schalom Ben-Chorin die Hoffenden in Christentum und Judentum miteinander verbunden. Nach christlicher Vorstellung fängt dieses Reich Gottes aber schon in unserer Gegenwart an, nämlich da, wo Menschen so wie Jesus füreinander da sind, einander helfen und beistehen und auf diese Weise dazu beitragen, dass „Blinde sehen und Lahme gehen.“ Die Frage, ob wir an Jesus als den Messias glauben oder nicht, mag Christen, Juden und auch Muslime voneinander trennen. In der Frage, ob wir mit Jesus und so wie Jesus an Gott glauben und an einer besseren Welt mitwirken wollen, sollten wir uns einig sein.