Als Jesus ihren Glauben sah

„Und siehe, da brachten sie zu ihm einen Gelähmten, der lag auf einem Bett. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei getrost, mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben“ (Mt 9,2).

 

 

 

Jesus provoziert in dieser Geschichte auf zweifache Weise: Er provoziert zum einen die Menschen, die auf eine Heilung des Gelähmten hoffen, und zum andern die anwesenden Schriftgelehrten, denn niemand darf nach ihrer Überzeugung die Sünden vergeben außer Gott allein. Jesus maßt sich etwas an, was nur Gott zusteht. Die Verbindung von Krankheit und Sünde ist zur Zeit Jesu eine gängige Vorstellung. Im Johannesevangelium z.B. fragen die Jünger, als sie einen von Geburt an blinden Menschen sehen, ihren Meister: „Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ (Joh 9,2) Und bei Jesus Sirach heißt es lapidar: „Wer vor seinem Schöpfer sündigt, der wird dem Arzt in die Hände fallen“ (Sir 38,15). Jesus nimmt diese Vorstellung auf und vergibt dem Gelähmten seine Sünde, d.h. er schafft erst die innere Voraussetzung dafür, dass der Mensch äußerlich geheilt werden kann. Es scheint fast so, als hätte Jesus tiefe Kenntnis von dem Zusammenhang zwischen seelischer und körperlicher Kenntnis gehabt, von dem die moderne Psychologie heute weiß.

 

Mich interessieren an dieser Stelle aber vor allem die vier Menschen, die den Gelähmten zu Jesus bringen: „Als nun Jesus ihren Glauben sah“. Das ist ja richtig: es war der Glaube der vier Freunde, der sie dazu bewegt hat, ihn zu Jesus zu bringen. Er selbst hatte für sich offenbar schon abschlossen mit seinem Leben. Er hatte kein Vertrauen mehr, dass das Leben noch etwas Positives für ihn bereithalten würde. Vielleicht hatte er es sich eingerichtet in seiner Rolle als Bettler, der immer angewiesen darauf war, dass andere ihm helfen würden. Der Theologe und Psychologe Eugen Drewermann nennt dies die Schuld des ungelebten Lebens.

 

Die vier Menschen, deren Glaube den Gelähmten zu tragen vermag, sind also neben Jesus die eigentlichen Helden dieser Geschichte. Und das, was sie tun, ist das eigentliche Wunder. Ihr Glaube trägt einen, der nicht mehr glauben kann. Mir ergeht es auch oft so: Wenn mein Glaube klein und brüchig geworden ist, werde ich in der Gemeinschaft getragen von dem Glauben der anderen. Von dem Glauben des alten Ehepaares zum Beispiel, das jeden Sonntag in der Kirche ist und von sich sagt: „Wir haben Gottes Nähe unser ganzes Leben lang erfahren, gerade in den schwierigen Zeiten.“ Von dem Glauben der 90-jährigen Dame, die fest davon überzeugt ist, dass es Gottes Fügung war, dass sich ihre Familie nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs überhaupt wiedergefunden hat.

 

Auch jetzt in Zeiten der Corona-Krise brauchen wir wieder Menschen, deren Glaube uns durch unsere Zweifel trägt. Wir können uns gegenseitig solche Helferinnen und Helfer sein. Denn am Ende der Geschichte heißt es: „Als das Volk das sah, fürchtete es sich und pries Gott, der solche Macht den Menschen gegeben hat.“ (Mt 9,8) Wir können einander tragen. Lasst uns ein Wunder sein.