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Er aber schlief

„Und siehe, da war ein großes Beben im Meer, sodass das Boot von Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief. Und sie traten zu ihm, weckten sie ihn auf und sprachen. Herr, hilf, wir verderben!“ (Mt 8,24-25)

 

 

 

Vor etlichen Jahren, an einem 27. Januar, habe ich in der Katharinenkirche anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eine beeindruckende Predigt eines niederländischen Rabbiners zu dem Psalmwort gehört: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht“ (Ps 121,4). Der Prediger warf die Frage auf, die sich angesichts der Ermordung von Millionen Juden in der Todesmaschinerie der Nationalsozialisten dringend stellte: Hat damals der Hüter Israels doch geschlafen? Hat er – Entschuldigung – gepennt? Und er kam zu der erschreckenden Antwort: Ja, Gott hat geschlafen, er hätte dies nicht zulassen dürfen! Ich war schockiert. Wie kann ein Rabbi, ein Mann Gottes, so etwas sagen?

 

Auch die Jünger in dieser Geschichte machen die Erfahrung: Jesus schläft. Sie sitzen im Boot, der Wind peitscht, die Wellen sind hoch. Matthäus nennt es ein großes Beben im Meer, einen Tsunami. Und Jesus schläft. Das Bild von einem kleinen Boot, das hilflos dem Sturm und den Wellen ausgesetzt ist, ist ein tief in der menschlichen Seele verankertes Bild, in dem unsere größten Ängste und Zweifel ihren bildhaften Ausdruck finden. Hier sind die Erfahrungen der ersten Christen, die im Römischen Reich verfolgt und getötet wurden, aufgenommen und verarbeitet worden. Die Botschaft ist: Auch wenn ihr den Eindruck habt, dass Jesus schläft, so seid getrost: Er ist da, habt keine Angst! Verzweifelt nicht, sondern glaubt!

 

Was würde der oben genannte Rabbi dazu sagen, wenn er so etwas hören würde? Könnte er sich trösten lassen durch das Wort: Auch wenn wir meinen, dass Gott schläft, so ist er trotzdem da? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, was passiert, wenn im Zuge der Corona-Krise immer schrecklichere Bilder beispielsweise aus Afrika oder Südamerika im Fernsehen zu sehen sein werden. Werden wir dann auch fragen: Schläft Gott? Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher: Nicht aus der Verzweiflung, sondern aus dem Vertrauen und Glauben wächst die Kraft, die Krise zu überwinden: Ärzte und Ärztinnen, Pflegerinnen und Pfleger könnten ihre Arbeit nicht tun, wenn sie keine Hoffnung, keinen Glauben an den Sieg über den Virus hätten. Die Frage, die Jesus den Jüngern stellt, gilt daher auch uns: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“ (Mt 8,26)